Mittwoch, 21.2. Tag 7

Perspektive Deutsches Kino Whatever Happens Next

von Julian Pörksen Deutschland / Polen 2018 Deutsch
mit Sebastian Rudolph, Lilith Stangenberg, Peter René Lüdicke, Christine Hoppe, Eike Weinreich Klar, gehen könnte man immer. Jetzt. Sofort. Man könnte aus dem Auto, dem Zug, vom Fahrrad steigen und einfach weg sein. Diesem Gedanken, den man normalerweise rasch verdrängt, gibt der 43-jährige Paul Zeise eines Tages nach und lässt alles zurück: Frau, Beruf, die gesamte bürgerliche Existenz. Fortan gondelt er als freundlicher Taugenichts, Schnorrer und Hochstapler durchs Land. Ungebeten setzt er sich in fremde Autos, ebenso ungebeten taucht er auf Partys und Beerdigungen auf, macht gemeinsame Sache mit einer dementen Großmutter und versetzt unabsichtlich eine Kleinfamilie in Angst und Schrecken, weil er sich schamlos in deren Leben drängt. Von einem Studenten nach Polen mitgenommen, irrt er dort als Wohnungsloser durch die Straßen, zieht zwischenzeitlich ins Krankenhaus ein und verliebt sich schließlich in die etwas durchgeknallte Nele (29), die ihn ihrerseits ins Wunderland ihres Lebens hineinzieht. Dass ihm inzwischen ein von seiner Frau beauftragter Privatdetektiv auf den Fersen ist, ahnt Paul nicht. Julian Pörksens Film ist ein ebenso komischer wie melancholischer Streifzug durch unsere Gesellschaft, eine von schönen, dubiosen und verirrten Charakteren bevölkerte Welt.
Generation 14plus Danmark Denmark

von Kasper Rune Larsen Dänemark 2017 Dänisch
mit Frederikke Dahl Hansen, Jonas Lindegaard Jacobsen, Jacob Skyggebjerg, Jens „JK“ Kristian, Marta Holm „Wie gehts dir?“ · „Küssen wir uns ab jetzt zur Begrüßung?“

Norge und seine Freunde leben in den Tag hinein, trinken, rauchen, feiern und haben immer etwas zu erzählen. Als die 16-jährige Josephine ihm eröffnet, dass sie schwanger ist, herrscht nur für einen kurzen Moment Stille. Die beiden Jugendlichen beginnen, sich zaghaft anzunähern, und es entstehen Gefühle, die ihr bisheriges Bild vom Leben und von sich selbst in Frage stellen. Das Wort „Liebe“ würde ihnen dafür nicht unbedingt in den Sinn kommen. Die Kamera registriert aufmerksam ihre Gesten und Blicke, beobachtet, was die Körper und Gesichter einander sagen, oder eben nicht. Urteilsfrei und aus respektvoller Nähe zeichnet Kasper Rune Larsen in seinem Debütfilm ein realistisches Porträt junger Leute und der komplizierten Vielgestalt ihrer Wirklichkeiten.
Generation 14plus Dressage

von Pooya Badkoobeh Iran 2018 Farsi
mit Negar Moghaddam, Yasna Mirtahmasb, Baset Rezaei, Houshang Tavakoli, Ali Mosaffa „Golsa. Gib uns den Film. Du weißt, was passieren wird, wenn ihn jemand findet. Was willst du?“ · „Schrotte das Auto deines Vaters.“ · „Wie?“ · „Fahr gegen einen Baum.“ · „Bist du verrückt?“

Mehr aus Langeweile als aus Not rauben Golsa und ihre Freund*innen einen Kiosk aus. Beim Zählen der Beute fällt ihnen auf, dass sie versäumt haben, die Aufzeichnung der Überwachungskamera mitzunehmen. Jemand muss an den Tatort zurückkehren und den Film holen. Golsa beugt sich den Anderen, doch die Konsequenzen des Überfalls geben ihr nachhaltig zu denken. Anstatt den Datenträger auszuhändigen, versteckt sie ihn im Pferdestall, dort, wo sie sich am freiesten fühlt. Im Verborgenen sucht sie einen eigenen Weg, mit der Tat umzugehen. Aus Angst um ihr gesellschaftliches Ansehen setzen ihre Kompliz*innen und deren Familien aus der iranischen Oberschicht sie zunehmend unter Druck. Golsa beginnt sich der allgegenwärtig wirkenden Logik von Macht, Erpressung und Geld zu entziehen.
Generation 14plus Les faux tatouages Fake Tattoos

von Pascal Plante Kanada 2017 Französisch, Englisch
mit Anthony Therrien, Rose-Marie Perreault, Lysandre Nadeau, Brigitte Poupart, Nicole-Sylvie Lagarde

>„Lemonade ist ein total geiles Album! Beim Konzert habe ich sogar den ‚Single Ladies‘ Tanz getanzt.“ · „Dich packt echt der Single Ladies Vibe?“ · „Ja, seit ein paar Wochen bin ich eine Vollzeit-Single-Lady.“

Mag bemerkt Théos Fake-Tattoo sofort. Nach einem Punk-Konzert treffen die beiden unverhofft an einer Bartheke aufeinander. Mit ihrer selbstsicheren Art verunsichert Mag den introvertierten Rocker, lockt ihn aber auch aus der Reserve und lädt ihn ein, die Nacht mit ihr zu verbringen. Es ist sein 18. Geburtstag und die Begegnung mit Mag ist so schicksalhaft wie ungünstig – in zwei Wochen zieht Théo zu seiner Schwester, vier Autostunden entfernt. Eine Beziehung mit „Ablaufdatum“, sagt Mag. Dennoch genügt die wenige Zeit, um zu bemerken, dass Théo etwas belastet. Mag fragt nicht nach, sie nimmt die Umstände wie sie eben sind. Leichtigkeit und Reife liegen in ihrer Haltung, mit der auch Regisseur Pascal Plante von dieser Liebe erzählt.

Kurzfilme 3 – Kplus
Generation Kplus
Brottas Tweener | Ringen

von Julia Thelin Schweden 2018 Schwedisch
mit Ellen Bökman, Nadine Arizcurinaga Ben Chaouch, Inez Torhaug, Arman Fariborz Saleh, Alexej Manvelov
Empfohlen ab: 12 Jahreneneration Kplus
Cena d’aragoste Lobster Dinner | Hummer zum Abendbrot

von Gregorio Franchetti USA / Italien 2017 Italienisch
mit Matteo De Buono, Edoardo Zuena, Marta Zoffoli, Fanni Wrochna
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus Hvalagapet Walschlund

von Liss-Anett Steinskog Norwegen 2017 Norwegisch
mit Sina Håland, Sivert Goa
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus  Snijeg za Vodu Snow for Water | Schnee für Wasser

von Christopher Villiers Bosnien und Herzegowina / Großbritannien 2017 Bosnisch
mit India Tanović, Hadrian Tanović, Izudin Bajrović, Saša Krmpotić, Amar Čustović
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus Toda mi alegría All My Joy | Augenblicke meiner Freude

von Micaela Gonzalo Argentinien 2017 Spanisch
mit Tali Slipak, Ornella D’Elia, Mauro Gonzalo, Tobías Millstein, Gonzalo Altamirano
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus A Field Guide to Being a 12-Year-Old Girl Handbuch einer 12-Jährigen

von Tilda Cobham-Hervey Australien 2017 Englisch
Empfohlen ab: 12 Jahren
Dokumentarische Form

Galerie zwischendurch


Dienstag, 20.2. – Tag 6 – Daniel

FORUM

35.

THE GREEN FOG

(Kanada, R.: Guy Maddin)

Ein elementares Meisterwerk der Sonderklasse konnte heute abend im Cinestar IMAX seine Premiere feiern. Die Ursuppe aller Meta-Filme. Starring: (beinahe) sämtliche Filme und TV-Serien, die in San Francisco gedreht wurden. Introducing: Der Grüne Nebel!

Guy Maddin, der Spezialist für das Obskure und Bizarre, liefert uns mehrere Filme in einem. Zunächst ist es die Liebeserklärung an die Filmstadt „San Francisco“ – der Reigen an Filmzitaten kennt keine Unterschiede zwischen qualitativen Höhen und Tiefen, so reiht sich eine Szene aus einem Film Noir mit Joan Crawford nahtlos an einen Action-Streifen mit Chuck Norris. Doch die Aneinanderreihung entspricht durchaus einem strengen formalen Konzept. Die Komposition der Filmszenen ist eine Rekonstruktion wie auch Dekonstruktion von Alfred Hitchcocks „VERTIGO“. Jede Einstellung aus „VERTIGO“ ist ersetzt worden durch eine entsprechende Einstellung aus dem Film-Kosmos um San Francisco.

Das ästhetische Format lotet die Höhen und Tiefen filmischer Darstellungskunst aus. In Erscheinung treten statt James Stewart und Kim Novak alle möglichen anderen Film- und Serienfiguren, die man kennt oder auch nicht, so natürlich auch Karl Malden und Michael Douglas aus den Straßen von San Francisco. Dieser darf sogar in einer amüsanten Brechung der Erzählstruktur sich selbst auf der Leinwand in „Basic Instinct“ erblicken. „You’re looking good, Mike. Ever thought of going into Show Business?“ lautet der passende Kommentar. Nicht, dass das wichtig wäre. Douglas hat Glück, denn die meisten Dialoge der Filmfragmente hat Guy Maddin einfach herausgeschnitten, so dass wir nur die Gesichter und ihr sonderbares Minenspiel sehen. Mit einigen Ausnahmen klingen die meisten Dialogszenen dann folgendermaßen: Einblendung der Hintergrundgeräusche.

Doch eine pure Aneinanderreihung von Miniaturfragmenten wäre zu banal. Es zieht sich ein roter Faden durch die Handlung, oder vielleicht sollte ich sagen, ein grüner Faden. Wie herabgestiegen aus der Erzählebene jenseits der Diegese taucht ein geheimnisvoller grüner Nebel auf, der das Unzusammenhängende miteinander verbindet und gleichzeitig eine eigene unerklärliche Parallelwelt kreiert.

Der zweite grüne Faden, der an die Stelle der Dialoge tritt, ist der Soundtrack von Jacob Garchik, der vom Kammermusik-Ensemble Kronos-Quartett gespielt wird – welches übrigens auch eine Institution der Stadt San Francisco ist.

THE GREEN FOG ist kein Meisterwerk, es fehlen die Maddin-typische Faszination eines skurrilen Drehbuchs seiner Langspielfilme und seine liebgewonnene Muse Louis Negin, der wohl anscheinend niemals in einem Film mitgespielt hat, der in San Francisco gedreht wurde… Doch allen cineastischen Liebhabern von Meta-Filmen sei dieses Werk wärmstens empfohlen, nicht zuletzt um das wahre Geheimnis von Chuck Norris zu ergründen, dessen extrem ausdrucksstarke Reglosigkeit der Gesichtszüge selbst die Unnahbarkeit von Kim Novak noch in den Schatten stellt.

Weitere Vorführtermine:

Mittwoch, 21.02., 22:45 (hier könnt ihr mich treffen, ich gehe nochmal hin!), Cubix 9

Freitag, 23.02., 11:00, CineStar 8

Sonntag, 25.02., 16:00, Delphi Filmpalast

Link zur URL-Seite der Berlinale mit dem Programmvermerk zu „THE GREEN FOG“

Link zum Trailer auf Youtube

WETTBEWERB:

36.

DON‘T WORRY, HE WON‘T GET FAR ON FOOT

(USA, R.: Gus van Sant)

Based on True Shit – die Lebensgeschichte des Cartoonzeichners John Callahan, der nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist und im Zeichnen eine Form der Therapie entdeckt. Gus van Sants neuer Film ist ergreifend, emotional, aber nie sentimental oder melodramatisch. Joaquin Phoenix liefert eine herausragende schauspielerische Leistung in dieser auch sonst prominent besetzten witzigen und berührenden Überlebensstudie.

Auch der zeitliche Kontext ist erfrischend realistisch inszeniert – man hat tatsächlich das Gefühl, wieder in die frühen Achtziger Jahre zurückzukehren. Was im Übrigen für John Callahan wesentlich wichtiger ist, ist die Überwindung seiner Alkoholsucht und seines Selbsthasses, hier hilft ihm nicht nur eine Therapiegruppe, sondern auch die Vision seiner leiblichen Mutter, die er nie persönlich kennengelernt hatte.

Wie uns der Regisseur schon einen Tag vorher bei einem Panel des Berlinale Talente-Campus erzählte, hatte ursprünglich Robin Williams diesen Stoff bearbeiten wollen, aber nach dessen Freitod hatten die Produzenten sich dann an van Sant gewandt, und dieser war zum Glück daran interessiert gewesen.

Weitere Vorführtermine:

Mi 21.02. 09:30
Friedrichstadt-Palast (D)

Mi 21.02. 12:30
Haus der Berliner Festspiele (D)

Mi 21.02. 17:30
Friedrichstadt-Palast (D)

Fr 23.02. 12:30
Zoo Palast 1 (D)

So 25.02. 14:30
Friedrichstadt-Palast (D

37.

KHOOK

(Iran, R: Mani Haghighi)

Anarchistisch, morbide, phantasievoll, lebendig, skurril und mit viel brutalen Szenen von ermordeten Filmregissueren Irans, die allesamt geköpft wurden. Doch warum sollte das einen unangenehm berühren – die meisten der Todesopfer waren ja ziemlich schlechte Regisseure, zumindest nach Meinung Hasans, dem immer noch lebenden Regisseur. Hasan – ein Regisseur mit Drehverbot – beginnt sich allmählich zu wundern, als ein Rivale nach dem anderen geköpft wird … Er fragt sich: „Warum denn nicht ich? Bin ich als Regisseur nicht gut genug?“ Abgesehen von seiner gekränkten Eitelkeit kommt erschwerend hinzu, dass die Polizei ihn selber für den Hauptverdächtigen hält. Zwischen den sehr lustigen aber auch bizarren Verwicklungen, in denen die modernen sozialen Medien, aber auch seine eigene Mutter (die ihr eigenes Gewehr hat) keine unwesentliche Rolle spielen, sind die Phantasieszenen die Höhepunkte des Films, in denen sich Hasan als Hardrockstar à la AC/DC imaginiert. Die Lösung ist allzu deprimierend und entlässt den Zuschauer ernüchtert in die Realität der religiösen Fanatiker, die der Freiheit der Kunst ihren Kampf angesagt haben…

Weitere Vorführtermine:

Mittwoch, 21.02., 19:00, Berlinale Palast

Donnerstag, 22.02., 13:30, Friedrichstadt-Palast

Donnerstag, 22.02., 18:30, Haus der Berliner Festspiele

Donnerstag, 22.02., 22:30, International

Sonntag, 25.02., 20:00, Friedrichstadt-Palast


PANORAMA:

38.

ONDES DE CHOC – PRÈNOM MATHIEU

(Schweiz, R.: Lionel Baier)

Auch dieser Film beruht auf wahren Ereignissen in der Schweiz der achtziger Jahre: Für Mathieu Reymond muss das Leben weitergehen. Nachdem der 17-jährige von einem Serientäter misshandelt und vergewaltigt, schleichen sich immer mehr Details der Tat und zur Person des Täters in sein Bewusstsein und in seine Träume. Die Familie ist erschüttert, rührend ist der Polizist, der sich sensibel und voller Anteilnahme um Mathieu kümmert, um sein Erinnerungsvermögen zu sensibilisieren. Aber auch die Umwelt, Mitschüler, Lehrer, die Freundin, wissen nicht, wie man dem seelisch verwundeten Jungen helfen kann, der sich immer seltsamer verhält, fast so als gäbe er sich selber die Schuld für die Untat. „Was stimmt denn nicht mit mir?“ lautet seine verzweifelte Frage am Schluss der Film; auf diese Frage muss selbst der Polizist die Antwort schuldig bleiben. Ein packendes Seelendrama mit ein paar aufheiternden Szenen zwischendurch (wie zum Beispiel die Einweihung der neuen Mikrowelle, des damals neuesten Hypes der Achtziger Jahre).

Weitere Vorführtermine:

Mittwoch, 21.02. 17:00, Cubix 9
Freitag, 23.02. 22:45, CineStar 3

Dienstag, 20.2. Tag 6

Perspektive Deutsches Kino draußen outside

von Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht Deutschland 2018 Deutsch Dokumentarische Form

Obdachlose, Berber, Vagabunden, Nichtsesshafte. Alles das Gleiche? Oder völlig Unterschiedliches? Manchmal leisten bereits die Worte Hilfestellung für einen Perspektivwechsel. Auch draußen nimmt andere Perspektiven ein: Der Film begleitet vier Menschen, die auf der Straße leben und wenig besitzen. Darunter nichts, was gesellschaftlichen Status sichtbar machen könnte, und dennoch alles wertvoll. Matze, Elvis, Filzlaus und Sergio sind Überlebenskünstler und Persönlichkeiten. Um ihre Geschichten zu erfahren, verfolgen die beiden Regisseurinnen eine besondere Strategie: Sie konzentrieren sich auf die Gegenstände, die ihre Protagonisten bei sich tragen. Sie bitten sie, ihnen ihre Welt zu öffnen und einen Blick in ihre Plastiktüten, Taschen, Einkaufswagen zu gewähren, so, als würde man ein fremdes Haus betreten. Die Objekte darin enthalten — eben weil es nur so wenige sind — eine Fülle von Informationen und Bedeutungen, sind mit Emotionen und Erinnerungen aufgeladen, Bruchstücke von Lebensgeschichten. In Gesprächen nimmt diese Fülle Gestalt an. Wir berühren und werden berührt.
Deutschland 2018 Deutsch Dokumentarische Form 80 Min · Farbe · 2K DCP Weltpremiere
Unaufgeregt belgeitet die Kamera ihre Protagonisten. Die Männer erzählen von ihrem Leben, ihren Problemen, ihren Wünschen und Idolen. Die Kamera wirft einen intimen Blicke auf ihre Schätze und ihr Eigentum, während wir erfahren, warum sie auf der Straße leben und teilweise ihre Familien verlassen haben. Ausgeklammert wird die Interaktion mit anderen Menschen. Optisch gibt es einige spannende Eintellungen, die Objekte gut in Szene setzen. Die Doku ist unaufgeregt und ohne überraschungen, gut gemacht.

Generation 14plus Unicórnio Unicorn

von Eduardo Nunes  Brasilien 2017 Portugiesisch
mit Bárbara Luz, Patrícia Pillar, Zé Carlos Machado, Lee Taylor
„Ich weiß nicht, was es war, Papa. Ich denke, es war das Licht, das durch das Fenster kam und ihr Gesicht erhellte. Mama! Warum siehst du so schön aus?“ In berauschend immersiven Bildern zeichnet das rätselhafte Drama die Coming-of-Age-Geschichte der 13-jährigen Maria, die allein mit ihrer Mutter in ländlicher Abgeschiedenheit lebt. Als ein junger Mann mit seiner Ziegenherde in die Nachbarschaft zieht, gerät ihr Leben aus dem Gleichgewicht. Während in Maria verborgene Wünsche und Ängste aufkeimen, beobachtet sie besorgt, wie ihre Mutter aufblüht. Ihre Gedanken teilt Maria nur mit ihrem Vater, den sie in einer irreal anmutenden Heilanstalt besucht. Wieso ist er dort? Und warum behauptet er, dass Gott böse sei? Maria entschließt sich zu etwas Unbegreiflichem. Zwischen betörender, visueller Opulenz und der märchenhaften Poesie seiner Erzählung schafft der Film einen Raum, der Fantasie und Reflexion zugleich nährt.
Zwei Kurzgeschichten wurden hier umgesetzt. der Film besticht durch seine Landschaft und deren Charakter, während ich das zu Filmbeginn und zwischendurch auftauchende EInhorn als überflüssiges Beiwerk befand. Hoffentlich sieht niemand den Film wegen des Einhorns an. Spannender ist die Geschichte des Mädchens,aus eren Perspektive wir die Tage erleben und das eifersüchtig reagiert, als die Mutter dem jungen Hirten näher kommt. Geräusche, Bäume, Tiere und eben die Landschaft bieten eine gute Kulisse und wir wissen nicht, ob die Unterhaltungen mit dem Vater in einem dunklen gekachelten Zimmer ihre Fantasie sind oder vielleicht seine. Skuril, fast ein wenig schrullig und er könnte die Kurzgeschichte auch kurz erzählen, doch die Ästhetik der Bilder steht im Vordergrund.
Forum Teatro de guerra Theatre of War

von Lola Arias Argentinien / Spanien 2018 Spanisch, Englisch, Nepalesisch
Dokumentarische Form
Der Krieg um die Falklandinseln dauerte von April bis Juni 1982 und kostete 655 argentinische und 255 britische Soldaten das Leben. Er endete mit der militärischen Niederlage Argentiniens und bis heute umstrittenen Gebietsansprüchen zwischen den beiden Staaten.
35 Jahre nach Kriegsende lädt die argentinische Künstlerin und Regisseurin Lola Arias Veteranen ein, sich zu erinnern – gemeinsam, zu zweit oder im Dialog mit der Kamera. Briten und Argentinier stehen sich als ehemalige Feinde gegenüber. Zugleich bilden sie ein Ensemble, wenn sie etwa in einem verlassenen Gebäude, einer Bühne gleich, eine Kampfszene nachstellen. Landkarten, verblichene Zeitschriften, Aufnahmen aus der unwirklichen Gegend der Gefechtsschauplätze liefern visuelle Ausgangspunkte und filmische Räume für ihre Geschichten über die Angst vorm Sterben und vorm Töten, über die Auswirkungen eines Krieges, der sie alle gezeichnet hat. Doch Teatro de guerra bleibt nicht in der Vergangenheit: In inszenierten Begegnungen mit jungen Schauspielern, die heute so alt sind wie Marcelo, Jim und die anderen es damals waren, stellt der Film auch die Frage, wie Erinnerungen vererbt werden und weiterleben.
Spannendes Projekt, das hier für die Leinwand adaptiert wurde. Der Malwinas/Falkland Konflikt von Veteranen/Soldaten, Anfang 50, aus ihrer Perspektive ein wenig aufgearbeitet. Leider wirken die Ausschnitte fast beliebig, auch wenn der rote Faden klar wird, vielleicht hätte man doch bei der Installation und dem Theaterstück bleiben sollen, auch wenn es spannend ist, hier eine Auseinandersetzung von beiden Seiten mitzubekommen und auch die junge Generation in Form von Schülerinnen und Schülern mit einbezogen wird.
Forum
An Elephant Sitting Still

von Hu Bo
Volksrepublik China 2018
Mandarin
mit Zhang Yu, Peng Yuchang, Wang Yuwen, Liu Congxi
In der nordchinesischen Stadt Manzhouli soll es einen Elefanten geben, der einfach nur dasitzt und die Welt ignoriert. Manzhouli wird zur fixen Idee für die Helden dieses Films, zum erhofften Ausweg aus der Abwärtsspirale, in der sie sich befinden. Da ist der Schüler Bu, der auf der Flucht ist, nachdem er den Schulhofschläger Shuai die Treppe hinuntergestoßen hat. Dann Bus Mitschülerin Ling, die mit ihrer Mutter bricht und sich von ihrem Lehrer umgarnen lässt, und Shuais älterer Bruder Cheng, der sich für den Suizid eines Freundes verantwortlich fühlt. Schließlich, neben vielen anderen Figuren, deren Schicksale untrennbar verknüpft sind, Herr Wang, ein rüstiger Pensionär, dessen Sohn ihn in ein Heim verfrachten will. In virtuosen Bildkompositionen erzählt der Film einen einzigen spannungsgeladenen Tag vom Morgengrauen bis zum Abend, wenn endlich der Zug nach Manzhouli abfahren soll.
Hu Bo, der in China bereits mit seinen Romanen Aufsehen erregte, gibt mit diesem vierstündigen Porträt einer Gesellschaft von Egoisten sein elektrisierendes Regiedebüt. Tragischerweise ist es zugleich sein Testament. Am 12. Oktober 2017 hat sich der 29 Jahre junge Künstler das Leben genommen.

Als es nach 2,5 Stunden aufregend wurde, hab ich erstmal eine halbe Stunde Pause gemacht, bevor ich mit dann die letzten Minuten angesehen habe. Pause hab ich deswegen gemacht, weil die Charaktäre wie Puppen wirkten, die von jemandem gespielt werden, fast zombiesk in ihrer gesellschaftlichen Stellung oder in ihren Positionen gefangen wirkten. Der Ausbruch wirkte dann umso heftiger. Die Geschichte ist dabei keine Minute langweilig, auch wenn sie in grauer depressiver Umgebung spielt, sondern steigert sich bis zuletzt und verwehrt dann doch irgendwie den Höhepunkt, trotz Tod und Leid, Rache, Unterdrückung und fehlender Zukunftsperspektiven. Schüler und ihre Träume, ihre Altagsprobleme, Mobbing und Sehnsüchte nach etwas Anderem, etwas Besserem bilden den Mittelpunkt der Geschichte und dazu die Flucht vor möglichen Konsequenzen der eigenen Handungen. Vielleicht ist es doch der Lichtblick, wenn es heißt, wollen wir nachsehen, ob es woanders wirklich nicht besser ist. Und dann ist da noch der Sitznde Elefant, der verbindet. Sehenswert.

Forum
Yours in Sisterhood

von Irene Lusztig
USA 2018
Englisch
Dokumentarische Form
Atlanta, vor einer Tankstelle an einer kleinstädtischen Straßenkreuzung. Bowling Green, Kentucky, auf einem Privatanwesen mit perfekt gepflegtem Rasen. Ein Garten vor einem Einfamilienhaus in Connecticut. Auf den ersten Blick sind es unscheinbare Orte, an denen Irene Lusztig auf ihrer zweijährigen Reise durch die USA mehrheitlich Frauen bittet, Leserbriefe vorzulesen und zu kommentieren, die aus dem Archiv der liberal-feministischen Zeitschrift „Ms.“ stammen. Geschrieben vor ungefähr 40 Jahren, zumeist von Frauen, die in der Zeitschrift erschienene Artikel zum Anlass nahmen, von sich zu erzählen – offenherzig, privat, oft erleichtert, manchmal erbost. In den Briefen geht um Schwangerschaftsabbrüche, um lesbische Liebesaffären von verheirateten Frauen, um die Ignoranz des Magazins gegenüber Lebenswirklichkeiten schwarzer Frauen…
Irene Lusztig gelingt es in ihrer dokumentarischen Inszenierung, einen Fundus der Frauenbewegung von damals in eine vielschichtige Beziehung mit der Gegenwart zu bringen. Das Wort steht dabei nur vermeintlich im Vordergrund. Dem Publikum ist es überlassen, einen feministischen Kosmos zu entdecken, den Yours in Sisterhood auf vielen Ebenen zugänglich macht.

Spannend, wie die Briefe vorgelesen werden und erschreckend, wenn Leute von Heute, mit den Problemen aus den 70ern konfrontiert werden und feststellen, dass die Gesellschaft sich nicht zum Besseren weiterentwickelt hat, sondern nur ihre Probleme vor sich herschiebt. Manchmal sogar wieder ins Gegenteil verkehrt. Emanzipation ist ein Prozess, auf dem man sich nicht ausruhen kann, es ist eine stetige Bewegung und ein Muss, daran weiterzuarbeiten und etwas zu unternehmen, erkennen auch die Leserinnen von Heute. Während am Anfang nur gelesen wird, übernimmt im Laufe des Films die Kommentierung und Einschätzung selbiger eine immer wichtigere Rolle. Sehenswert, gerne kürzer.
Forum
14 Apples

von Midi Z
Taiwan / Myanmar 2018
Burmesisch
Dokumentarische Form
Wang Shin-hong leidet unter Schlaflosigkeit. Ein Wahrsager rät zu einer 14-tägigen Kur, während der der Geschäftsmann aus Mandalay – sein Auto, seine gefüllte Geldbörse verraten, dass die Geschäfte relativ gut laufen – sich als temporärer Mönch in einem Kloster aufhalten und täglich einen Apfel essen soll. So etwas geht in Burma, heute.
Wang Shin-hong kommt im zugewiesenen ländlichen Kloster an, wird rasiert und ist in der roten Kutte prompt eine Autorität. Die Frauen im Dorf – man sieht ihrer Kleidung, den Hütten im Hintergrund an, wie arm sie sind – stecken auf der Willkommensprozession mehr als sie haben in seine Almosenschüssel. Wang Shin-hong erfährt wenig später als ihr Berater, der er kurzzeitig geworden ist, von den Versuchen der Dorfbewohner, wie sie als legale oder illegale Arbeitsmigranten in China, Thailand oder Malaysia versuchen zu überleben, ein Auskommen zu finden. Und davon, wie die anderen Mönche im Kloster versuchen, von den zusätzlichen Einkünften zu profitieren. 14 Apples ist ein verstörender Dokumentarfilm über die verführerische Macht eines nicht nur an humanistischen Idealen ausgerichteten Buddhismus im Globalisierungszeitalter.

Nach 7 Äpfeln war Schluss, dann endet der Film. Ich will nicht behaupten, dass das spannnend war. Ein Ausschnitt aus einer Realität, ein paar Ängste, Sehnsüchte und Probleme, die Aufmerksamkeit erfordern. Naja, ok.

Montag, 19.2. Tag 5

Generation Kplus Dikkertje Dap My Giraffe | Mein Freund, die Giraffe

von Barbara Bredero Niederlande / Belgien / Deutschland 2017 Niederländisch
mit Liam de Vries, Yannick van de Velde, Rayan Belrhazi Alaoui, Martijn Fischer, Egbert-Jan Weeber

„Wir sollten doch gemeinsam zur Schule gehen.“ · „Giraffen brauchen keine Schule. Sie wissen alles, was sie wissen müssen.“
Aus einem der berühmtesten Kindergedichte der Niederlande entspinnt sich eine humorvolle, fantasievolle Geschichte um den Wert und den Wandel einer ungewöhnlichen Freundschaft. Dikkertjes bester Freund hat große, dunkle Augen, einen superlangen Hals und weiches, hellgeflecktes Fell: Er heißt Raf, kam am selben Tag wie Dikkertje zur Welt und ist eine sprechende Giraffe. Nun werden die beiden vier Jahre alt und ihr erster Schultag steht bevor. Das zumindest hat Dikkertje versprochen. Doch in der Schule sind Tiere nicht erlaubt. Bunte Luftballons zerplatzen, rote Gummistiefel bleiben ungetragen und abendliche Taschenlampengrüße unbeantwortet.
Kann man mehr als einen Freund haben? Wird klar beantwortet. Die sprechende Giraffe findet es heraus. Nett für die jüngeren Kids und kommt ins Kino. Checker Tobi gibt der Giraffe dann die Stimme.

 

74 Min · Farbe

Generation Kplus Ceres

von Janet van den Brand Belgien / Niederlande 2017 Niederländisch Empfohlen ab: 12 Jahren Dokumentarische Form
„Für mich war das Schlachten der Tiere nie etwas Schlimmes. Es ist einfach normal. Stadtkinder … ich glaube, die sehen so etwa nie. Sie sehen dafür andere Dinge, die ich nicht mitbekomme.“

Ferkel werden geboren, Kälber, Lämmer und Küken. Es wird gesät, gepflanzt und geerntet. Tiere werden geschlachtet. Die Kamera ist hautnah dabei; sie folgt Koen, Daan, Sven und Jeanine durch ihren Alltag. Die vier Kinder wachsen auf Bauernhöfen auf, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Von klein auf helfen sie bei der Arbeit, lernen Verantwortung zu tragen und Abschied zu nehmen. Werden sie die Höfe ihrer Eltern einmal übernehmen? In ihrem Langfilmdebüt porträtiert Janet van den Brand junge Menschen, ihre innige Verbundenheit mit der Natur, ihre Vorstellungen und Wünsche. Durch alle Jahreszeiten begleitet sie ihre Protagonist*innen und zeichnet ein realistisches Bild von Leben und Arbeit in der Landwirtschaft, ohne falsche Romantik und doch voller Poesie.

Dokumentarische Form 73 Min Farbe Weltpremiere
Unglaublich nah dran mit der Kamera, fast auf Makroebene. Hat mir sehr gut gefallen und ist nicht nur Stadtkids zu emfehlen, auch wenn geschlachtet wird. Freue mich auf das Interview mit dem Regisseur am Nachmittag.

Generation Kplus Los Bando

von Christian Lo Norwegen / Schweden 2018 Norwegisch, Schwedisch mit Tage Hogness, Jakob Dyrud, Tiril Marie Høistad Berger, Jonas Hoff Oftebro, Nils Ole Oftebro
Empfohlen ab: 9 Jahren

„Dann spiele ich mein Solo und du das Schlagzeug. Ich meine es ernst. Wir werden Legenden. Wir werden den Rock für immer verändern.“

Schon von klein auf träumen die besten Freunde Axel und Grim davon, mit ihrer Rockband „Los Bando Immortale“ in die Musikgeschichte einzugehen. Als sie eines Tages eingeladen werden, an der norwegischen Rock-Championship teilzunehmen, scheint plötzlich alles möglich. Nur leider kann Axel gar nicht singen. Und weil Grim es nicht übers Herz bringt, ihm die Wahrheit zu sagen, landen die beiden gemeinsam mit der neunjährigen Cellistin Thilda und dem Rallyefahrer Martin auf einem musikalischen Roadtrip Richtung Norden. Als sich daraus eine rasante Verfolgungsjagd entwickelt, zeigt sich, dass die Reise für jeden der vier auch einen Ausbruch darstellt. Mit jedem Kilometer wächst die Gruppe enger zusammen und steuert siegessicher das große Finale an.
94 Min · Farbe
Witziger Bandfilm, mit starker Bassistin, die ihren Traum vom Sieg beim großen Bandfestival umsetzen wollen. Zwischendurch wird festgestellt, dass manche Idole auch Arschlöcher sein können. Haltet am Traum fest und redet miteinander, grade, wenn der Sänger irklich nicht singen kann, sollte man es ihm sagen, denn beim Livekonzert wird Autotune nicht weiterhelfen.

Generation Kplus Les rois mongols Cross My Heart | Hand auf’s Herz

von Luc Picard Kanada 2017 Französisch, Englisch mit Milya Corbeil-Gauvreau, Anthony Bouchard, Henri Picard, Alexis Guay, Clare Coulter
Empfohlen ab: 12 Jahren

„Mimi … hättest du gerne eine Oma? Sie könnte uns in den Schlaf wiegen, uns vorlesen, uns Kuchen backen …“ · „Und ein Micky-Maus-Kostüm nähen?“

Montreal 1970. Während die linksradikale-nationalistische „Front für die Befreiung Quebecs“ die Provinz in den Ausnahmezustand versetzt, muss die zwölfjährige Manon tatenlos zusehen, wie ihre Familie auseinanderfällt. Der Vater ist krank und die überforderte Mutter gezwungen, ihre beiden Kinder in getrennte Pflegefamilien zu geben. Doch Manon hat sich geschworen, ihren kleinen Bruder Mimi niemals allein zu lassen, und fasst einen tollkühnen Plan: Sie gründet eine revolutionäre Zelle und entführt gemeinsam mit ihren Cousins eine ahnungslose Oma. Sie fordern selbstgebackenen Kuchen, Gutenachtgeschichten und vor allem, dass man sie so leben lässt, wie sie es wollen. In einer abgelegenen Hütte verbringen sie Tage in paradiesischer Freiheit fernab von der Ignoranz der Erwachsenen.

Kanada 2017 Französisch, Englisch 104 Min Farbe
Für mich unerartete Richtungen, nicht so vorhersehbar und ich hatte ihn eher bei 14 Plus erartet. Die Entführung einer alten Dame soll den Kids helfen, bringt aber nur weitere Probleme. Sehenswert mit einem Blick auf Umsturzzeiten und Militärrecht in Kanada, die die Kids nur am Rande mitbekommen werden.

Generation Kplus El día que resistía  he Endless Day | Der endlose Tag

von Alessia Chiesa Argentinien / Frankreich 2018 Spanisch mit Lara Rógora, Mateo Baldasso, Mila Marchisio Empfohlen ab: 11 Jahren

„Bleib nah bei mir. Im Wald sind vielleicht Wölfe.“ · „Wie in der Geschichte?“ · „Ja, wie in der Geschichte.“

Die achtjährige Fan ist allein mit ihren jüngeren Geschwistern Tino und Claa. Ihr Reich: ein großes, alleinstehendes Haus auf dem Lande, ein verwunschener Garten mit knorrigen Apfelbäumen und ganz in der Nähe ein geheimnisvoller Wald wie der aus „Hänsel und Gretel“. Fan kümmert sich liebevoll um Tino und Claa. Sie ist die Bestimmerin, legt die Regeln fest und liest den Kleinen gruselige Märchen vor. Bis Tino entdeckt, dass Fan sich selbst nicht an die Regeln hält und auch Claa ihren eigenen Wünschen folgt. Allmählich verliert sich die anfängliche Leichtigkeit des geschwisterlichen Zusammenlebens im immer bedrohlicher werdenden Dunkel des umliegenden Waldes. In beklemmend schönen Bildern erzählt Alessia Chiesa in ihrem Langfilmdebüt von Zuneigung und Rebellion.

Argentinien / Frankreich 2018 Spanisch 98 Min · Farbe Weltpremiere
Die drei Kids im Haus im Wald beginnen lustig und werden immer düsterer. Da lässt sich einiges vermuten und das Ende ist noch düsterer. Die Situation spitzt sich zu und endet in einem schlimmen Szenario. Die eigentliche Jexe aus der Geschichte ist die etwas ältere Schwester, vermutlich von den Erwachsenen, die sie instruiert haben dazu gemacht.

 

Perspektive Deutsches Kino Rückenwind von vorn Away You Go

von Philipp Eichholtz Deutschland 2018 Deutsch mit Victoria Schulz, Aleksandar Radenković, Daniel Zillmann, Angelika Waller, Karin Hanczewski

Ist Erwachsenwerden einfach und Erwachsensein schwer? Die Berlinerin Charlie findet es verdammt schwer, die Erwartungen ihrer Umgebung und ihre eigenen auseinanderzuhalten. Ihr Freund Marco möchte ein Kind und Kollege Gerry mutmaßt ungefragt: „Fünf Jahre zusammen? Na, da seid ihr doch bestimmt bald zu dritt.“ Doch Charlie ist sich uneins, ob es eigentlich schön wäre, ein Kind zu haben, oder ob sie sich dabei womöglich selbst verloren gehen würde. In ihrem Beruf als Lehrerin ist sie oft ziemlich gefordert, ihre geliebte, lebenslustige Oma wird krank, und mit Marco läuft es gerade nicht besonders, er langweilt sie oft. Dabei war am Anfang alles so wunderbar leicht und spontan. Sie hätte gern wieder etwas von der Aufregung von früher zurück, als sie bis in die Morgenstunden tanzen war. Anderen fällt das offenbar leichter, dieses Erwachsensein. Gerry kauft sich einen Wohnwagen und will sich Richtung Balkan treiben lassen, ihre beste Freundin bricht mit dem Rucksack nach Asien auf. Überall Veränderung und bei ihr nur Stillstand? Charlie braucht frischen Wind.

Deutschland 2018 Deutsch 77 Min Farbe · 2K DCP Weltpremiere
Filminfos und Bilder:  Berlinale

Montag, 19.2. – Tag 5 – Daniel

RETROSPEKTIVE

29.

MIT DER KAMERA DURCH ALT-BERLIN

Ein acht Minuten langer Film beglückt mit dokumentarischen Filmaufnahmen aus dem Berlin des Jahres 1928. Dazwischen werden zum Vergleich alte Zeichnungen und Stiche aus dem Jahre 1800 eingeblendet.

Der kurze Film ist weniger ein Portrait der hier wohnenden Menschen als eine Darstellung des architektonischen Wandels.

Natürlich besonders für Berlinfreunde und -kenner interessant, die viele Orte trotz der Veränderungen wiedererkennen können, wie zum Beispiel den just zwei Jahre zuvor erbauten Funkturm oder Klein-Venedig.

30.

DIE ABENTEUER EINER SCHÖNEN FRAU

(Deutschland 1932, R: Hermann Kosterlitz)

Es gibt wahrhaft schlechtere Alternativen auf der diesjährigen Berlinale, als sich einen Spielfilm mit Lil Dagover aus dem Jahre 1932 zu gönnen. In „Die Abenteuer einer schönen Frau“ stellt sie eine selbständige Bildhauerin dar, Thea Roland, die sich auf der Suche nach einem Model für eine Statue in einen Boxer aus England verliebt und sich im Folgenden trotzdem ihre Unabhängigkeit als Frau, Künstlerin und alleinerziehende Mutter bewahrt.

Die Komödie mit dem offenen Schluss, der ein allzu konventionelles direktes Happy End vermeidet, hat leichte Drehbuchschwächen, besonders in den Aktionen und Motivationen der Hauptfiguren wechselt sich ab und zu allzu unerklärlich um 180 Grad gewissermaßen ihre moralische Ausrichtung.

Das Jahr 1932 wirkt wie das letzte Jahr der Unschuld in dieser Dekade, und doch spürt man bereits die Vorzeichen des dritten Reichs. Der Körperkult der Männlichkeit in den neu entstandenen Fitnesszentren jener Ära wird hier auch zum Glück parodiert wird.

Als einer der ersten Tonfilme hat auch die Filmmusik ihren gebührenden Unterhaltungswert, so zum Beispiel in der non-verbalen Kommunikation purer Freude zwischen dem Vater und seinem kleinen Sohn bei deren erster Begegnung – und das Radio als neues Medienformat spielt eine kleine aber nicht unwichtige Nebenrolle.

Auch der damalige Umgangston in der Gesellschaft ist sehens- bzw. hörenswert, man hat schon manchmal das Gefühl, einer Fremdsprache zu lauschen, wenn Thea im „Clinch“ liegt mit dem „Flaps„. Und Theo Lingen, der eine klitzekleine Nebenrolle hat, sieht so aus wie immer in seiner gesamten Karriere.

GENERATION

31.

DIKKERTJE DAP

(Niederlande, R: Barbara Bredero)

Das Märchen vom kleinen Jungen Dikkertje und seinem allerbesten Freund, der sprechenden Giraffe Raf. Als Dikkertje in die Schule kommt, kann er nicht mehr so oft wie früher in den Zoo, um seinen besten Freund zu sehen. Damit muss er erst mal lernen umzugehen. Mit allen Tricks versucht er den Schulbesuch zu vermeiden. Manchmal endet ein Film anders als man denkt. Hier zeigt sich manchmal auch, ob es ein Film für Kinder oder ein Film für Jugendliche oder ein Film für Erwachsene ist.

Weil der Film ein schönes Märchen bleibt, ist er ein Film für Kinder. Der kleine Dikkertje verliert seinen Freund Raf nicht, sie hören nicht auf, miteinander zu sprechen und Spaß miteinander zu haben, im Gegenteil, sogar Dikkertjes neuer Freund und Klassenkamerad Yous kann Dikkertje verstehen. Was auch gut ist, denn erwachsen werden wir alle früh genug, man muss da nichts erzwingen, besonders wenn man sechs Jahre alt ist.

Die Phantasie in uns, die Kraft unserer Imagination, lässt uns die Grenzen der Kommunikation überwinden – hören wir nicht auf, dem Echo der Tierstimmen in uns zu lauschen. Die Geschichte basiert übrigens auf einem Kindergedicht.

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

32.

VERLORENE

(D., R: Felix Hassenfratz)

Maria und Hannah leben nach dem Tod ihrer Mutter alleine bei ihrem Vater, in der badischen Provinz. Als Valentin, ein junger Zimmermann auf der Walz, im Betrieb der Familie zu arbeiten beginnt, verliebt sich Maria in ihn, doch ein dunkles Geheimnis verhindert, dass Maria ihrer Liebe nachgehen kann. Doch Hannah kommt der Sache auf die Spur.

Das ernste Thema Vater-Tochter-Inzest mit sexuellem Missbrauch wird sensibel erzählt, doch die Grenze zum melodramatischen Heimatfilm wird leider ab und zu überschritten. Die urdeutschesten tragischen Dramen Gerhart Hauptmanns kommen einem dann in den Sinn.

Was bleibt den beiden Schwestern da anderes übrig als gemeinsam die Flucht anzutreten. Marias Orgelspiel – immer wieder ihr Zufluchtsort – weist den Weg in die Zukunft …

FORUM

33.

DEN‘POBEDY (VICTORY DAY)

(Deutschland/Russland, R: Sergei Loznitsa)

Es spielen sich wahrhaft hanebüchene Vorgänge ab am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin – am 9. Mai, dem Tag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus.

Das Dokumentarmaterial, das im letzten Jahr dort entstanden ist, zeigt eine unglaubliche Bandbreite an politischen und nostalgischen Parallelwelten, die hier aufeinandertreffen. Menschen unterschiedlicher Haltung und Herkunft entfalten ein bizarres Treiben zwischen Anteilnahme, patriotischem Gebaren, Nachdenklichkeit oder folkloristischem Volksfest mit Gesang und Tanz.

Der Kontrast zu dem Spektakel sind die stummen Gesichter und Figuren auf den steinernen Reliefs – sie erzählen eine ganz andere Geschichte von Trauer, Leid und Opfern und auch von den wahren Helden des Tages.

(Ich werde mir das Spektakel sicherlich beim nächsten 9. Mai auch einmal ansehen).

Sonntag, 18.2. – Tag 4 – Daniel

BERLINALE SHORTS

20.

Programm III: Vom Rausch des Lebens

THE MEN BEHIND THE WALL

(Israel, R: Ines Moldavsky)

Per Smartphone machen ein Mann und eine Frau was klar.

Die Regisseurin Ines aus Tel Aviv interessiert sich für die Männer aus dem Westjordanland. Via Datingplattformen treffen sie sich. Das Thema ist – wieder einmal – das Überschreiten von Grenzen…

T.R.A.P.

(Argentinien, R: Manque La Banca)

Das Boot von drei mittelalterlichen Rittern strandet im blauen Zwielicht am Ufer des Río De La Plata. Der Anführer ist eine Frau. Die Suche beginnt – im Sumpf flickert der Film heftig. Sie suchen ein Grab, an dem sie ein Ritual durchführen müssen: Sie haben zu dritt Sex auf dem Grab. Das Versprechen ist erfüllt. Dann die unerwartete Wendung. Sie finden ein Auto, legen ihre Kettenhemden ab und schauen sich den Sonnenuntergang an, während sie Bier trinken und dem Radio zuhören.

Ein schönes Juwel.

BESIDA

(Nigeria, R: Chuko Esiri)

Und wieder die Eingeborenen im Dschungel und ein Dort, diesmal im Süden Nigerias. „Als ich dich brauchte, warst du nicht da? Was willst du jetzt?“, sagt die Schwester zum Bruder. Ein kleines Dorf: Die Autos halten nur, um die jungen Frauen in die Stadt zu bringen. „Du warst doch selbst da„, sagt sie. „Deswegen ja„, sagt er. „Geh nicht.“

Das Drama der Frauen auf dieser Welt hat gerade erst begonnen.

WISHING WELL

(D, R: Sylvia Schedelbauer)

Ein flimmerndes Bild mit Waldfluss. In die poetische Waldszenerie wird ein zweites Bild eingeblendet: Schemenhaft sieht man einen Jungen, der läuft, die Hand ausstreckt nach etwas Undefinierbaren.

The very cave you are afraid to enter turns out to be the source of what you are looking for.“ So lautet ein Aphorismus von Joseph Campbell. Die Musik zu den lyrischen und zarten Bildern stammt von Jeff Surak.

THE SHADOW OF UTOPIA

(Österreich, R: Antoinette Zwirchmayr)

Nahaufnahmen von Schmuck, Bauchtanzoptik. schöne Dinge werden aufgezählt, mystisch anmutende Frauengestalten stehen – beinahe regungslos – am Strand. Edelsteine – und das, was der Schmuck darstellt. Delphine zum Beispiel.

The Shadow of Utopia ist der dritte Teil der Trilogie „What I remember“. Die Regisseurin inszeniert ihre eigene Familiengeschichte in fragmentarischen Bildern. Brasilien im Spiegel der Erinnerung.

PANORAMA SPECIAL

21.

L’ANIMALE

(Ö., R: Katharina Mueckstein, D: Sophie Stockinger, Kathrin Resetarits, Dominik Warta u.a.)

Kurz vor dem Schulabschluss und dem Studium in Wien ändern sich in der Welt der jungen Mati noch einmal die Vorzeichen. Freundschaft und Liebe müssen in ihrer Jungsclique plötzlich neu verhandelt werden, als sich der beste Kumpel Matis plötzlich in sie verliebt und sich ihr „Best-Friends-Forever“-Status plötzlich in Matis Widerstand gegen Sebastians animalische Gelüste auflöst.

Doch auch in Mati brechen neue Empfindungen auf, als sie die selbstbestimmte Carla kennenlernt, die ihr zeigt, wie es sein könnte, wenn Mati selber plötzlich ein lebendiger und offener Mensch wäre. Die bisherige Tagesordnung mit den James-Dean-artigen Moped- oder Disco-Exzessen mit gelegentlichen Handgreiflichkeiten offenbart ihren Charakter der starren Leblosigkeit, mit der nur die eigenen Unsicherheiten – und das ANIMALISCHE im Menschen – übertüncht werden.

Währenddessen stolpern Matis Eltern über die eigenen Lügen. Der Vater Paul verbirgt seine homosexuellen Neigungen vor seiner Frau und vor der Gesellschaft, doch Gabriela kommt seinem Geheimnis auf die Spur.

Im Deutschunterricht wird das Gedicht „Selige Sehnsucht“ von Goethe analysiert. Soll die Dichtung auch das Leben von Mati bessern? Bei der Abschlussprüfung jedoch schreibt sie kurzerhand entschlossen ihren Text und gibt dann ihr Blatt ab – lange vor den anderen, wie das Sinnbild ihrer gewonnenen Entschlusskraft.

Die Eltern hingegen können aus ihrem Kreislauf nicht mehr ausbrechen. Das Animalische in ihnen, das sich nach Ausdruck sehnt, bleibt nunmehr verborgen unter der Oberfläche der zivilisierten Bürgerlichkeit.

Man wünscht den beiden also nur: noch mehr LEBEN / DRAMA / VERÄNDERUNG bitte für die Zukunft, bitte noch mehr ANIMA.

PANORAMA

22.

MES PROVINCIALES (A Paris Education)

(Frankreich, R: Jean-Paul Civeyrac, D: Adranic Manet, Gonzague van Bervesseles, Corentin Fila)

Drei Filmstudenten aus der französischen Provinz und ihre ersten Erfahrungen mit der Kunst und dem Leben. Eine zärtliche schwarz-weiße Studie über Leidenschaften, Irrtümer und Tragödien der Jugend und eine melancholische Liebeserklärung ans klassische Kino und an Paris.

Mit all den freundschaftlichen Verwicklungen, amoureusen Episoden und den Auseinandersetzungen um Liebe, Filmkunst, Politik, Literatur und Freundschaft wird doch vor allem eines – mit Leidenschaft geredet.

Und damit ist MES PROVINCIALES definitiv der französischste Film auf der diesjährigen Berlinale. Nicht nur für cineastische Neulinge auf diesem Gebiet sicherlich eine Bereicherung.

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

23.

DIE DEFEKTE KATZE

(D., R: Susan Gordanshekan)

„Die Defekte Katze“ ist eine umgekehrt verlaufende Liebesgeschichte. Zwei Fremde gehen eine traditionell geschlossene Ehe ein, wie es in der iranischen Kultur üblich ist, dafür reist Mina aus dem Iran nach Deutschland zu Kian.

Den Defekt haben nicht nur die Gene der Katze, die Mina im Laufe der Handlung mit nach Hause bringt, defekt ist vor allem die Beziehung zwischen ihr und ihrem Mann Kian.

Mühsam arrangieren sie sich miteinander, finden aber trotzdem nicht zusammen – bis sie sich zum Schluss trotzdem neu kennenlernen. Dazwischen finden sich Traumszenen von Begegnungen, die ganz unter Wasser spielen.

Arrangierte Hochzeiten sind keine gute Angelegenheit, auch wenn die Musik gut ist, immerhin tanzt die sich einsam fühlende Protagonistin Mina in den Diskotheken der Stadt zu den Klängen des Labels Kreismusik.

FORUM

24.

DJAMILIA (Jamila)

(Frankreich, R: Aminatou Echard)

Super 8 ist ein wunderschönes Format, die Bilder von kirgisischen Sommerlandschaften und den schönen Portraitaufnahmen alter und junger Frauen geraten in der pointilistisch anmutenden Super-8-Optik zu einem geradezu impressionistischen Kunstwerk.

Tschingis Aitmatovs Novelle „Dshamilja“ beeindruckte Generationen kirgisischer Frauen: Dshamilja – eine junge Frau, die sich gegen alle gesellschaftlichen Konventionen auflehnt und schließlich ihrem Geliebten folgt.

Behutsam befragt der Debütfilm Echards heutige Biografien und zeigt, wie aktuell die Konflikte, Sehnsüchte und Wünsche nach Selbstbestimmung noch immer sind.

Neben den Bildern beeindrucken auch die fremdartigen Stimmen, wie sie die Geschichte der Romanfigur Dshamilja nacherzählen und ihre Bedeutung für sich interpretieren. Der Weg der Frauen in ein modernes Leben in Freiheit ist auch heute kein leichter.

BERLINALE SHORTS

25.

Programm V: Step Across the Yesterday

LE TIGRE DE TASMANIE

(Frankreich, R: Vergine Keaton)

Einer der letzten tasmanischen Tiger dreht seine Runden im Zoo. Diese Filmaufnahmen stammen aus der Stummfilmzeit – inzwischen ist er ausgestorben. Dazu sieht man die zeitrafferartigen Erosionen der Erdzeitalter und explodierende Berge, diese sind computergenerierte Animationen. Die Natur ermächtigt sich ihrer Kraft und begräbt alles unter sich. In der Auslöschung des Alten liegt der Anfang für etwas Neues.

All unsere Materie wird sich dereinst auflösen und die Partikel sich im All verteilen. Bis dahin wollen wir an ihn denken, den letzten tasmanischen Tiger.

IMFURA

(Schweiz / Ruanda, R: Samuel Ishimwe)

Ein weiterer Film zu Ethnologie und Postkolonialismus, diesmal in Ruanda spielend.

In Imfura reist der junge Mann zurück in das Dorf seiner Familie in Ruanda. Das Haus seiner 1994 im Tutsi-Genozid verstorbenen Mutter ist Ausgangspunkt für eine Reise in die Vergangenheit mit der Gegenwart vor Augen.

Zwei Brüder lernen sich neu kennen. Ein Konflikttreffen im Dorf wird zum Austragungsort eines gesellschaftlichen Konflikts zwischen Modernisierung, Religion und Tradition. Bei diesem Film vermisse ich ausnahmsweise einen Schluss. Das Ende ist allzu offen.

ONDE O VERAO VAI (Episódios da juventude)

(Portugal, R: David Pinheiro Vicente)

In Onde o Verão Vai (episódios da juventude) inszeniert der portugiesische Regisseur David Pinheiro Vicente einen queeren Auszug aus dem Paradies und stellt somit die Frage nach dem Anfang neu.

Die ersten Menschen sind diesmal bereits zu fünft unterwegs im Auto ins Paradies, dort formieren sich klassische aber auch neuartige Beziehungsmuster. Die Sinnlichkeit des Apfels tritt in Erscheinung.

Und der Name der wunderschönen orangefarbenen Schlange, mit der Adam und Eva eine in ihrer Zärtlichkeit geradezu rührende Begegnung haben, ist übrigens Frida.

WHILE I YET LIVE

(USA, R: Maris Curran)

Eine ländliche Gemeinschaft in den USA, noch ferner kann man der Zivilisation nicht sein. Hier, scheinbar am Ende des Universums, leben einige uralte afroamerikanische Damen, die einstmals Weltstars im Kunstbetrieb waren – damals, als gerade der Quilt-Hype angesagt war.

Die fünf „Quiltmacherinnen“ aus Gee’s Bend, Alabama, sprechen über Liebe, Religion und den Kampf um Bürgerrechte, während sie die Tradition des Quiltnähens fortführen.

Ein eindrucksvolles Portrait in stimmungsvoller Atmosphäre.

PANORAMA

26.

TINTA BRUTA (Hard Paint)

(Brasilien, R: Marcio Reolon und Filipe Mutzembacher)

Pedro ist jung, schwule und verdient sein Geld als Performer in Chatrooms. Also NeonBoy bemalt er seinen nackten Körper und tanzt illuminiert im UV-Licht. Doch dann kopiert jemand anders in der Stadt sein Konzept.

Ereignisse treten in Gang, um Pedro mit dem nie verarbeiteten Trauma einer Missbrauchserfahrung im Kindesalter zu konfrontieren und ihn von seiner unendlichen Angst vor anderen Menschen zu befreien.

Ein ebenso sinnlicher wie sozialkritischer Film, für mich einer der Höhepunkte des PANORAMA in diesem Jahr.

FORUM

27.

GUSHING PRAYER

(Japan 1971, R: Masao Adachi, D: Yuji Aoki, Makiko Kim, Shigenori Noda, Hiroshi Saito)

Anfang der Siebziger Jahre wehte der Geist der sexuellen Revolution und der Loslösung vom Establishment auch nach Japan. Regisseur Masao Adachi schuf 1971 den Film, der das Sprachrohr dieser Generation in Japan sein sollte. Vier Jugendliche setzen sich den Konventionen der moralisch korrumpierten Gesellschaft entgegen, indem sie sich statdessen hemmungslosem Gruppensex hingeben.

Doch nachdem die Schülerin Yasuko eine Affäre mit ihrem Lehrer hatte, gilt sie bei den anderen als Prostituierte. Sex wird für sie zum Geschäft ohne Vergnügen. Und so begibt sie sich auf eine Odyssee der Selbsterkundung, um ihre eigenen Grenzen auszuloten.

Zusätzlich zur Geschichte sind Stimmen vom Tonband vernehmbar, die uns aus authentischen Selbstmörderbriefen vorlesen, dazu hört man die Musik von Masato Minami (dessen Stück „It Can’t Be Over“ ihr im Anschluss an diesen Beitrag hören könnt).

Nach dem Scheitern der Studentenbewegung entstand ein Vakuum, dessen Leere hier eindrucksvoll geschildert wird. Und die japanische Jugend der Siebziger ist in Schwarz-Weiß besonders hübsch anzusehen.

Der Film wird im Rahmen des Sonderprogramms „A Pink Tribute to Keiko Sato“ gezeigt. Keiko Sato ist eine der Produzentinnen der sog. „pinku eiga“, Filmen, die ein männliches Publikum mit erotischen Inhalten ansprechen sollten doch in den Siebziger Jahren sich in radikales avantgardistisches Kino verwandelten.

FORUM

28.

KAD BUDEM MRTAV I BEO (When I Am Dead and Pale)

(Jugoslawien, R: Živojin Pavlović)

In diesem Schlüsselwerk der jugoslawischen „Schwarzen Welle“ will der draufgängerische Jimmy als Sänger ganz nach oben, Talent hin und her. Ein rebellischer Road- bzw. Railroadmovie voller Musik, der uns lebendige Charaktere zeigt und zugleich die quirligen, damals noch entstehenden Randbezirke Belgrads erkundet. Eindeutiger Höhepunkt ist der Pop&Rockwettbewerb am Schluss, bei dem sich die Leidenschaft der musikalischen Jugend Jugoslawiens für die zeitgenössische Beatmusik zeigt. Jimmy hingegen mit seinen sentimentalen Volksliedern und seiner schwachen Stimme geht kläglich unter. Doch das Ende Jimmys ist noch unrühmlicher – ein Showdown, der ihm keine Chance lässt wie bei einem Anti-Western. Zur Aufführung gelangt eine von der Jugoslovenska Kinoteka digital restaurierte Fassung.

Samstag, 17.2. – Tag 3 – Daniel

RETROSPEKTIVE

11.

DER KATZENSTEG

Eine weitere Literaturverfilmung aus der Weimarer Republik, diesmal von Regisseur Gerhard Lamprecht inszeniert. Genau wie der Roman von Hermann Sudermann aus dem Jahre 1890 zeichnet auch der Film das Bild einer zerrütteten Nachkriegsgesellschaft nach den Napoleonkriegen im Jahre 1813.

Eine preußische Dorfgemeinschaft stellt sich gegen den heimkehrenden Kriegsheld Boneslav, da dessen Vater – als Freund der Franzosen – den französischen Feind in den Rücken eines preußischen Freikorps geführt hatte. Wie Boneslav sich gegen seine Feinde im Dorf behaupten muss, hat schon fast die Züge eines klassischen Westerns a la „Zwölf Uhr Mittags“.

Am Schluss beeindruckt jedoch ein völlig unheroisches Ende, es kommt zu keinem Showdown. Der Held muss wieder in die Schlacht, als Napoleon aus seiner Verbannung zurückkehrt. Die höchst nüchterne unsentimentale Texteinblendung am Schluss deutet auf sein vermutliches weiteres Schicksal lediglich hin.

BERLINALE SHORTS

12.

Programm II: U=2·p·r oder Blitze aus dem All

IMPERIAL VALLEY (Cultivated Run-Off)

(D./Österreich, R: Lukas Marxt)

Ein Drohnenflug über einen künstlichen Wasserlauf im Imperial Valley, einem der größten Obst- und Gemüseanbaugebiete in den USA.

In diesem Jahr fällt übrigens bei vielen der Kurzfilme auf, wie sich der Kameraflug mit Drohne zu einem gängigen Stilmittel des ästhetischen Blicks entwickelt hat.

Der Blick gleitet über einen Kanal in der Wüste, Kläranlagen, einen Kunstsee, Plantagen und über scheinbar endloses Agrarland. Schließlich endet der Flug – im Nichts.

BABYLON

(Philippinen, R: Keith Deligero)

Einer der schrägsten Beiträge der Berlinale Shorts.

Als ein Freund von mir vor einiger Zeit auf den Philippinen zu Besuch war, erschreckte ihn die Besessenheit der Einwohner mit Schusswaffen. Betrachtet man diesen Film, lässt sich die Obsession gut nachvollziehen. Es wird wirklich viel herumgeballert in Barangay Babylonia!

Dawn und Saab reisen durch die Zeit, um einen Bürgermeister zu ermorden, der später einmal zum Diktator wird, die Geschichte soll umgeschrieben werden.

TERRE MOTO SANTO

(Brasilien, R: Bárbara Wagner & Benjamin de Burca)

Ein Mann und eine Frau in der unberührten paradiesischen Natur, er im Anzug, sie im schwarzen Kleid. Mit einem Mal fangen sie an zu singen. In der nächsten Sequenz dann: eine Männergruppe in der Gesangsstunde. Weitere ländliche Szenarien mit dem Gesangbuch folgen.

God wrote your story with his own hands, victory is guaranteed„. Das Duo Wagner / de Burca inszeniert den Pop der Evangelikalen in einer großen Schlagershow in Brasilien. Die Predigt der Nacht ist eine andere als die des Tages.

CIRCLE

(Großbritannien/Indien/Kanada, R: Jayisha Patel)

Ein indisches Dorf. Eine Frau erzählt ihrer Schwester von ihrer Vergewaltigung. Zitat: „Großmutter organisierte meine Vergewaltigung.“ Die Jahresezeiten vergehen schnell.

In einem Kreislauf folgt Jayisha Patel drei Generationen an Frauen aus Indien in ihrem Lebensumfeld und deckt den Kreislauf der Gewalt auf.

Die Hochzeit findet im April statt.

SOLAR WALK

(Dänemark, R: Réka Bucsi)

Der zweite Trickfilm der Berlinale-Shorts ist eine Ekstase der kosmischen Mythologien. Ein ganzes Universum füllt sich mit Visionen, wenn Réka Bucsi in Solar Walk die Himmel animiert.

PANORAMA

13.

YOCHO (FOREBODING)

(Japan, 140 Min., R: Kiyoshi Kurosawa, D: Kaho, Shota Sometani, Masahiro Higashide, Ren Osugi)

Der Himmel über der Stadt hat sich verändert. Ein trübes gleichmäßiges aber auch substanzloses Grau schwebt über der Stadt. Als sich im Leben von Etsuko die unerklärlichen Vorfälle häufen, wird bald klar, dass eine höhere Macht das Ende der Welt einläuten will. Kiyoshi Kurosawa verbindet in seinem Film Elemente von Science Fiction, Horrorfilm, Thriller und Endzeitdrama.

Immer mehr Menschen in der Stadt fehlen plötzlich lebenswichtige Konzepte in ihrem Vorstellungsvermögen. Konzepte wie „Familie“, „Würde“, „Zeit“ oder „Angst“. Allmählich wird Etsuko klar, dass Fremde auf dem Planeten sind, die diese Konzepte aus dem Bewusstsein entreißen.

Der Film „Foreboding“ (zu deutsch „Vorahnung“) beeindruckt aber vor allem dadurch, dass er komplett auf Spezialeffekte verzichtet. Mit Ausnahme ein paar unauffälliger optischer Effekte entsteht der Eindruck des Fremdartigen und Unerklärlichen lediglich durch die Dialoge bzw. das ungewöhnliche Spiel einzelner Körperteile oder ganzer Körper.

Die Schauspieler vermitteln gekonnt den Einfluss des Unbekannten auf die Menschheit. Mit 140 Minuten ist der Film nur leider ein wenig zu lang, insbesondere da manche Handlungselemente zu oft wiederholt werden. Dennoch ist YOCHO ein Highlight in der Sektion PANORAMA.

PANORAMA SPECIAL

14.

INKAN, GONGKAN, SIKAN GRIGO, INKAN (Human, Space, Time, Human)

(Südkorea/Japan, R: Kim Ki-Duk)

Der Parabelcharakter der Geschichte wird von Anfang an klar. Eine Gemeinschaft von Menschen aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft, die nicht als Charaktere in Erscheinung treten, sondern lediglich als Symbolfiguren und Metaphern.

Die allegorische Reisegesellschaft macht sich auf den Weg an ein unbekanntes Ziel auf einem uralten Kriegsschiff, als wäre es ein Luxusliner. Als plötzlich das Meer unter dem Schiff fehlt, zerbrechen die Hierarchien zwischen Passagieren der ersten Klasse, den Unterschichten und auch der Schiffsmannschaft. Auf dem Schiff in den Wolken bricht das Chaos aus, wer die Schusswaffe hat, bestimmt über Leben und Tod. Als die Vorräte aufgebraucht sind, essen sich die Menschen gegenseitig auf.

Kulinarisches Kino der Sonderklasse, denn – so heißt es ja zumindest – Menschenfleisch schmeckt gar nicht schlecht. Ich hätte es allerdings nicht roh verzehrt sondern die durchaus noch funktionierende Bordküche verwendet.

Doch – wie Michael Jackson es einst so schön sagte: „It’s only a movie.“ Vergessen wir bei alle den unappetitlichen Szenen, dem lärmenden Geschrei und exzessiven Vergewaltigungsorgien nicht, dass es sich um die grausame Parabel auf die Natur des Menschen handelt. Jede Figur, jeder Gegenstand (wie zum Beispiel der Revolver), symbolisiert nur etwas anderes, und es sind nur die Symbole und die Metaphern, die sich hier kannibalisieren und vergewaltigen.

Insgesamt der unerfreulichste Beitrag in diesem Jahr, denn – man kann es für ein bedeutsames Statement halten. Vielleicht sollten wir aber nicht alles in der letzten Konsequenz auf die Triebe zurückführen.

FORUM

15.

WALDHEIMS WALZER

(Ö., R: Ruth Beckermann)

Vor über dreißig Jahren trat der ehemalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim zur Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten an. Just zu jenem Zeitpunkt wurde die von ihm verleugnete Vergangenheit als NS-Soldat bekannt, der an Greueltaten der Nazis beteiligt war.

Der dokumentarische Essay von Ruth Beckermann, die selber damals in antifaschistischen Aktionskomitees engagiert war, rekonstruiert aus eigenen Filmaufnahmen und auch aus Fernseh-Archivmaterial den Verlauf der hitzigen politischen Debatten und Anschuldigungen.

Die Maske des Humanismus, mit der sich Waldheim seit dem Krieg stets getarnt hatte – auch vor sich selbst – gerät ins Bröckeln. Auf die Anschuldigungen geht er nur soweit ein, dass er sie als eine „ganz normale Erfüllung seiner Pflicht als Soldat“ hinzustellen versucht.

Die Strategie des Jüdischen Weltkongresses, den Wahlkampf von Kurt Waldheim zu torpedieren, geht leider nicht auf, und das ist der eigentliche Skandal, der vor allem erst jetzt durch die Dokumentation klar wird. Dieser Skandal ist das hanebüchene Verhalten der ÖVP, die die Anschuldigungen gegen Waldheim nutzt, um wiederum ihrerseits mittels unverhohlenem Antisemitismus auf Stimmenfang im Wahlkampf zu gehen.

Zusätzlich zeigen die eigenen Dokumentaraufnahmen der Filmemacherin aus den Begegnungen ein trauriges Bild der österreichischen Gesellschaft der Achtziger Jahre. Der Schritt nach rechts war immer der einfachere, der naheliegendere. Was in Österreich leider immer gefehlt hat, ist eine Aufarbeitung der eigenen Schuld an Greueltaten während der Zeit des Nationalsozialismus.

Diese fehlende Aufarbeitung führte letztlich auch heutzutage wieder zum enormen Rechtsruck in Österreich. WALDHEIMS WALZER ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

BERLINALE CLASSICS

16.

TOKIO IN DER DÄMMERUNG

(Japan 1957, R: Yasujiro Ozu)

Bereits vor einigen Jahren lief im Forum eine Mitternachtsreihe mit Werken von Yasujiro Ozu, dem Meister des japanischen Neorealismus. Auch von ihm wird nun ein digital restaurierter Film auf der Berlinale erstaufgeführt, und zwar das Familiendrama „TOKIO IN DER DÄMMERUNG“ aus dem Jahre 1957.

Über den Straßen des kalten Tokios Ende der 50’er Jahre liegt der Smog, die Menschen sind mit Atemschutzmasken unterwegs. Wie eine unheilvolle Vorankündigung späterer Tragik senkt sich die Schranke herab für einen durchfahrenden Zug.

In den kleinen Lokalen wird getrunken und gespielt, in den Fabriken gearbeitet. Dazwischen spielt sich eine unscheinbare Suche zweier erwachsener Schwestern nach ihrer Mutter ab, die sie vor langer Zeit verlassen hatte, und der alleinerziehende Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, erkennt, dass er bei aller Liebe seinen beiden Töchtern kein glückliches Zuhause bieten konnte.

Die eine der beiden Töchter zerbricht an der Kälte, die andere gewinnt innere Stärke und Kraft. Die Nachkriegszeit wird lebendig, und die Schattenseiten des Lebens in der Moderne treten in den Vordergrund.

Das alles wird völlig unsentimental erzählt und geht gerade daher umso mehr zu Herzen.

FORUM

17.

MADELINE’S MADELINE

(USA, R: Josephine Decker, R: Helena Howard, Miranda July, Molly Parkes)

Madeline ist eine junge Frau, die an einem Theaterworkshop teilnimmt. Hier wird improvisiert und erprobt, ein Stück soll sich aus dem gemeinsamen kreativen Prozess entwickeln. Doch Madeline kämpft auch mit schweren psychischen Störungen, die Madeline auf der Bühne nicht nur auslebt, sondern die auch eine extrem wilde Unkontrollierbarkeit entwickeln können.

In diesem faszinierenden Spiel von Kreativität und Besinnungslosigkeit, man könnte auch sagen, dem Ineinanderspielen von Kultur und Anima, entfaltet der Film seinen unwiderstehlichen Reiz. Doch auch die gesamte Theatergruppe wird in den magisch-animalischen Bann von Madelines zweiter Persönlichkeit gezogen. Evangeline, die Leiterin des Theaterworkshops, wird ausgesperrt und hat keine Kontrolle mehr über die wilde Performance, die sich zu einem nicht vorhersehbaren Ende steigert.

Ein starkes Statement über das Verhältnis von Kultur und Wahnsinn, mit Helena Howard, einer beeindruckenden Darstellerin der Titelfigur.

RETROSPEKTIVE

18.

IHRE MAJESTÄT, DIE LIEBE

(D., R: Joe May)

Ein charmanter Playboy soll seine Verlobung mit einem Barmädchen lösen und durch eine Geldheirat dem Familienbetrieb finanziell voranhelfen. Eine turbulente Tonfilm-Operette voller Aberwitz und Unfug bis hin zu einem rasanten Showdown.

Auch heute kann man über viele Dinge herzlich lachen, besonders wenn ein Blumenstrauß gleich mehrmals aus dem Fenster geworfen wird, aber durch obskure Umstände immer wieder zu der Angebeteten zurückkehrt.

Auch die Nichte des Playboys und ihr Tanzlehrer fungieren als zweites Liebespaar als Comic „Relief“ – sogar mit umwerfenden Tanzszenen obskurer Natur.

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

19.

FEIERABENDBIER

(D., R: Ben Brummer)

Der Barkeeper Magnus hat eine große Leidenschaft: seinen Mercedes SEC. Mit seinem Freund Dimi, der Philosophie studiert, um besser Mädchen abzuschleppen, diskutiert Magnus die Unterschiede zwischen „Sucht“ und „Leidenschaft“. So ist man ja zum Beispiel nicht „süchtig“ nach Klavierspielen, oder man hat keine „Leidenschaft“ für Alkohol.

Doch dann wird das geliebte Auto von Magnus geklaut, und er macht sich wie besessen auf die Jagd nach dem Autodieb. Es geht vom Hölzchen aufs Stöckchen, über Swingerklubs und Verschwörungen einem aufregenden Ende entgegen.

In der Zwischenzeit muss er sich noch mit einer neuen Freundin, seiner Ex-Freundin, ihrem gemeinsamen Sohn und auch den wenigen Gästen seiner Kneipe widmen, die alle ihre eigenen Probleme haben.

In einer Nebenrolle glänzt hier Christian Tramitz als einer der Stammgäste der Kneipe, als einem höchst unorthodoxen Esoteriker mit entsetzlichem Modegeschmack.

Auch die Frauenfiguren entsprechen keinerlei gängigen Klischees und haben was zu sagen – so was gefällt. Der Hauptdarsteller Tilman Strauss erinnert von der Art und seinem Aussehen her ein wenig an Ethan Hawke.

Es könnte sein, dass mir die leichte Komödie mit dem originellen Schluss auch deshalb gefällt.

Freitag, 16.2. – Tag 2 – Daniel

1.

BERLINALE SHORTS

Programm IV: In der Nacht ist das Flüstern ein Tosen

DES JEUNES FILLES DISPARAISSENT

(Frankreich, R.: Clément Pinteaux)

Plötzlich ist ein Film schön, aber auf ganz andere Art und Weise als bisher: Concept Art und sublim, die Geschichte erzählt sich jenseits der Bilder und der Menschen. Wir sehen Aufnahmen von Landkarten französischer Landschaften und hören die Geschichte vom Wolf und den Mädchen: Zwischen 1652 und 1657 wurden in Essonne in Frankreich 58 Mädchen von einem Wolf verschlungen. Vier Jahrhunderte später verschwinden in dieser Region wieder junge Frauen.

Ein Mädchen in der Schule spricht von ihrer verschwundenen Freundin. Wir sehen viele Aufnahmen von Mädchen, jungen Frauen, die auf eine Weise schön sind, wie es sie nur in Frankreich gibt. Geistliche Musik ertönt. Welche geheimnisvolle Verbindung besteht zwischen dem Jetzt und den Ereignissen im 17. Jahrhundert?

AND WHAT IS THE SUMMER SAYING

(Indien, R.: Payal Kapadia)

Der Wind weht, es wird Nachmittag am Rande des indischen Dschungels. Aufnahmen des Waldes, durch den der Wind weht, so poetisch wie Tarkowskis „Serkalo“. Ähnlich wie bei Tarkowski wechseln auch Farbszenen mit Szenen in Schwarz-Weiß. Die Frauen des Dorfes flüstern sich die Geheimnisse vergangener Lieben zu. Ein karges Haus. Ein Rauch steigt aus dem Boden auf, wie der Traum einer längst vergangenen Zeit.

Und was macht der Sommer?“

MADNESS

(Portugal / Frankreich / Mosambik / Guinea-Bissau / Katar, R.: João Viana)

Lucy ist verrückt. Sie lebt in einer psychiatrischen Anstalt. Sie sucht ihren Sohn, den sie vor ihrem inneren Auge immer wieder vor sich stehen sieht. Der Ausbruch gelingt. Das Krankenbett wird zum Flugzeug transformiert – ist es ein Traum oder eine Wahnvorstellung? Das Theater von Antonin Artaud dient als Grundlage einer anderen Inszenierung von Wirklichkeit.

CITY OF TALES

(Frankreich, R.: Arash Nassiri)

Und wieder Menschen in der Nacht. Eine Geschichte in der Nacht über die Stadt der Geschichten.

Los Angeles wird Teheran. Und die Einwohner sprechen kein Englisch mehr. Sie sprechen eine persische Mundart, und selbst die Chips-Tüte im Seven Eleven fängt in der fremden Zunge zu plappern an.

Zwei Metropolen, die durch mehr Differenzen getrennt zu sein scheinen als nur die große Entfernung, sind einander letztlich doch viel ähnlicher als man denkt.

COYOTE

(Schweiz, R.: Lorenz Wunderle)

Ein Trickfilm über die Rolle, die der Tod für die Tiere spielt – aus ihrer Sicht, aus der Sicht eines Koyoten, der Hauptfigur.

Er hat alles verloren, seine Frau, seine Kinder. Er versucht der Trauer zu entkommen.

Der Koyote tritt eine mystische Reise durch die Halbwelt des Todes an. Der Tod ist ein riesiger Büffel. Trauer und Wahn kommen dichter. Der Kojote heult.

Die Ästhetik der Trickfilmtechnik in expressionistischer Farbgestaltung ist besonders ansprechend.

2.

FORUM

FOTBAL INFINIT

(Rumänien, R.: Corneliu Porumbolu)

Es dauert ein klein wenig, aber auf einmal – scheinbar ganz unmerklich – hat dieser Film seinen Weg gefunden zum Herzen des Zuschauers. Natürlich ist man erst mal verwirrt über LAURENTIU GINGHINÄ, den Mann, der – nach einer schlimmen Verletzung bei einem Fußballspiel vor dreißig Jahren – es sich zur großen Aufgabe seines Lebens gemacht hat, die Regeln des Fußballspiel neu zu definieren und komplett zu verändern.

Beharrlich verfolgt er sein Ziel eines humaneren, freieren und auch anmutigeren Fußballsports, wendet sich an allen Instanzen und lässt sich nie entmutigen – dynamisch und flexibel stellt er sich auf jedes Hindernis ein. Im permanenten Gespräch mit dem Filmemacher, der ihn ständig begleitet, offenbart sich auch schließlich der eigentliche Humor des Films. Die scheinbarer Vertracktheit der komplizierten Regeln löst sich auf in Gelassenheit und Leichtigkeit.

Besonders rührend und amüsant ist es, wie sich Laurentiu selbst sieht, als Verwaltungsangestellter mit Doppelleben wie ein Superheld, dessen eigentliche Mission die Verbesserung des Fußballsports ist.

Die Pointe des Films wird vielleicht nicht jedem auffallen, als zwei Mannschaften versuchen, das Spiel nach den neuen Regeln zu spielen. Das Spielfeld ist unterteilt in mehrere Spielerzonen mit mehreren Unterteams, die sich nur jeweils in ihren eigenen Zonen aufhalten dürfen. Man bekommt nun den Eindruck, etwas ganz anderes zu sehen als Fußball.

Ein Film nicht nur für Fußballfreunde, vielleicht für die sogar wesentlich weniger geeignet.

Weitere Vorführtermine:

Di 20.02. 14:30
Delphi Filmpalast

Do 22.02. 22:00
Zoo Palast 2

3.

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

STORKOW KALIFORNIA

(D., R: Kolja Malik)

Die Handlung des Songs „Hotel California“ von den Eagles wird hier in diesem Kurzfilm gewissermaßen noch einmal erzählt, wenn auch auf eine ganz andere Weise. Sunny kommt aus Storkow, einer Kleinstadt in Brandenburg, mit dem Regionalzug und einmal Umsteigen wäre man eine bis drei Stunden unterwegs, um nach Berlin zu kommen.

Doch soweit wird es niemals kommen. Statt dessen ist der junge Mann hin- und hergerissen zwischen seiner Mutter Nena, die auch sein bester Kumpel ist, und einer neuen Liebe, einer attraktiven Verkehrspolizistin, die sich auch zu Sunny hingezogen fühlt. Während Nena zerbrochen ist an der Sucht nach Drogen und Alkohol und nur noch Halt findet in der Liebe zu ihrem Sohn, den sie mit allen Mitteln an sich zu binden weiß, träumt dieser vom Ausbruch und der Flucht nach Berlin.

Der zermürbende Trip zwischen Dableiben und Fortgehen wird kein Ende nehmen. Schöne Bilder eines endlosen Deliriums einer verlorenen Jugend im Schnee.

RÜCKENWIND VON VORN

(D., R: Philipp Eichholtz)

Die junge Lehrerin Charlie hat es nicht leicht mit sich selbst, zwischen ihrem Wunsch, ihren Beruf auszuüben, der Sehnsucht danach, ihrer Freundin auf eine Reise ins ferne Asien zu folgen und auch noch den Wunsch ihres Freundes nach einem Kind und einer Familie erfüllen zu wollen – da muss sie sich zuerst ein wenig nach allen Seiten hin verstellen.

Dazu wird dann auch noch ihre geliebte lebenslustige Großmutter krank. So wechseln die Prioritäten für Charlie, bis keine Kompromisse mehr möglich sind.

Eine Komödie mit ein paar tragischen Aspekten zu Alter und Tod, jedoch ohne zu viel Drama. So kommt der Film mit einem positiven Ende doch noch zu einem abgerundetes Gesamtbild – Charlie entscheidet sich für ihren eigenen Weg.

4.

PANORAMA

MALAMBO, EL HOMBRE BUENO (Malambo, the Good Man)

(Argentinien, R: Santiago Loza , D: Gaspar Jofre, Fernando Muñoz, Pablo Lugones, Nubecita Vargas, Gabriela Pastor, Carlos Defeo)

In magischen Schwarz-Weiß-Bildern entführt uns Santiago Loza in die Welt des argentinischen Malambo-Tanzes. Man muss auch sehr dankbar sein für diese Wahl „Schwarz-Weiß“, denn in Farbe wäre die Leidenschaft des Films im Exotismus schillernder Kostüme und farbenprächtiger Folklore untergegangen.

Es genügen gelegentliche dezente Einblendungen von ROT an den entscheidenden Stellen. Der Protagonist, der junge Tänzer Gaspar, hat sein Leben der Leidenschaft des Malambo-Tanzes verschrieben, doch seine Hingabe forderte bereits erste körperliche Opfer. Dennoch verfolgt er zielstrebig sein Ziel, kämpft gegen die Rückenschmerzen, bis er seinen Wettkampf antreten kann.

Als Fiktion mit dokumentarischem Charakter zeigt uns der Film eine andere Kultur – die harte Welt der um ihren einmaligen Erfolg kämpfenden Tänzer, wie auch das Schicksal, das nach dem Erfolg kommt. Gaspar wird selber Malambo-Lehrer für einen neuen aufstrebenden Tänzer, während sein eigener Lehrmeister auf Kreuzfahrtschiffen zur Abendunterhaltung auftritt.

Wenig Farbe, viel Charakter.

Weitere Vorführtermine:

Mi 21.02. 20:15
CineStar 3

Sa 24.02. 20:15
CineStar 3

5.

FORUM

CLASSICAL PERIOD

(USA, R.: Ted Fendt)

Der amerikanische 16-mm-Streifen mutet beinahe an wie eine Verfilmung von „Zettels Traum“, nur dass die Protagonisten nicht über Edgar Allen Poe raisonnieren sondern über Dantes Göttliche Komödie. Es passiert nicht viel, nur dass die Hauptfigur Cal unermüdlich mit allen seinen Gesprächspartnern über Literatur, Poesie, Religion und Kunst spricht – ganz wie ein unbesiegbarer Bildungsprotz.

Neben der eigentlichen Handlung – die drei oder vier Hauptfiguren – laufen durch die Straßen oder treffen sich in irgendwelchen Räumen. Es findet keine Kommunikation statt, man Textet sich nur gegenseitig zu wie ein Quartett aus Dozenten, die sich gar nicht mehr zuhören.

Vielleicht sind die Geschichten, die sie sich erzählen über die titelgebende Klassische Epoche – die eigentliche Geschichte – wie das Echo einer vergangenen Welt, wo sich die Menschen noch tatsächlich in konstruktiven Dialogen weiterentwickelt haben. Hier jedenfalls schalten Cal und die seinigen nur um vom Modus „REDEN“ auf den Modus „ZUHÖREN“, ohne dass es sie in irgendeiner Weise noch voranbringt.

Ein zwiespältiger Beitrag im Forum, nicht zuletzt aufgrund des teilweise sehr schlechten Tons.

6.

BERLINALE SPECIAL GALA

THE BOOKSHOP

(GB, R: Isabel Coixet)

Der Film lässt die Atmosphäre im England des Jahres 1959 entstehen. Emily Mortimer spielt eindrucksvoll die idealistische Buchhändlerin Florence Green, die ihren Traum verwirklichen will und in dem kleinen Küstenort Hardborough einen Buchladen eröffnet. Mehr und mehr muss sie dabei gegen eine spießige Gesellschaft ankämpfen, als sie in ihrem Schaufenster auch das umstrittene Werk „Lolita“ von Vladimir Nabokov ausstellt.

Zwischen den Szenen des Dramas wie Kapitelüberschriften das langsame Dahingleiten des Blickes auf die idyllischen Seen- und Meereslandschaften.

Julie Christie erscheint als Erzählstimme anfangs etwas zu präsent, doch nach einigen Minuten überlässt sie es der Geschichte, sich durch die Szenen und Figuren selber zu erzählen.

Und Bill Nighy, den man hauptsächlich aus Nebenrollen kennt, hat hier einmal endlich in einer Hauptrolle die Gelegenheit, als misanthropischer Bücherliebhaber Brundish sein ganzes Können zu zeigen.

7.

BERLINALE SHORTS

Programm I: Hohe Bäume werfen kurze Schatten

ALMA BANDIDA

(Brasilien, R: Marco Antônio Pereira)

Fael will seiner Freundin ein Geschenk machen. Seine Krankheit, die Leidenschaft heißt, schreit laut durch die Straßen der Stadt. Das Loch in der Erde, welches unheilvoll wie ein Grab droht, wird zum Hoffnungsträger, denn dort sind die wertvollen Kristalle.

Zwischen Armut und Verzweiflung stehen immer noch die Hoffnung und der Traum.

RUSSA

(Portugal/Brasilien, R: João Salaviza & Ricardo Alves Jr.)

Russa kehrt aus dem Gefängnis zurück in ihr Zuhause, die Banleius von Porto, um mit ihrer Schwester und Freunden den Geburtstag ihres Sohnes zu feiern. Ihr Haus ist verschlossen, viele der Gebäude von früher stehen nicht mehr. Ein Hochhaus wird gerade gesprengt.

Was hat die Freiheit überhaupt zu bieten?

AFTER/LIFE

(USA, R: Puck Lo)

Leben und Sterben zwischen der Inszenierung von Krieg und dem Alltag der Migration in die Vereinigten Staaten von Amerika – die Wüste lebt, und wo sind ihre Toten?

BLAU

(D., R: David Jansen)

Der Ozean. Eine unendliche Tiefe, wie auch Weite. Ein alter Volksglaube besagt, dass ein Wal sein ganzes Leben lang träumt. Eine Walkuh und ihr Kalb. In dem Animationsfilm Blau verweben sich Leben und Mythos des großen Meeressäugers zu einer phantastischen Geschichte. Walfänger und U-Boote fehlen dabei nicht, doch im Traum erhebt sich der Wal aus dem Wasser und fliegt durch die Lüfte, um schließlich vor der großen Stadt am Meeresstrand wieder zu landen.

Dort dann sein letzter Atemzug – auch in seinem wirklichen Leben. Ein wunderschöner und sehr trauriger Trickfilm.

BURKINA BRANDENBURG KOMPLEX

(D., R: Ulu Braun)

In einem kleinen Dorf in Afrika wohnen die Eingeborenen – doch diese sind Brandenburger mit all ihren eigenen kulturellen Sitten und Gebräuchen.

Ein obskures und satirisches Natur-Ethno-Kunst-Märchen.

Ausgehend von dem, was in den Medien der westlichen Welt über Afrika erfahrbar ist, konstituiert Ulu Braun eine andere Geschichte des großen Kontinents.

Die Götter müssen noch verrückter sein.

8.

FORUM

GRASS

Ein klassischer Caféhausfilm in schwarz-weiß, der aber aus Korea stammt, von HONG SANGSOO. Involviert sind einige Liebespaare, aber auch Künstler, Autoren, Schauspieler, es dreht sich viel um die Liebe, den Tod und die Kunst, natürlich spielen auch Alkohol und Nikotin ihre eigene Rolle.

Beobachtet wird alles von einer jungen Frau, die hier den Stoff findet für ihren neuesten Roman. Daneben spielt noch die klassische Musik eine besondere Rolle, vor allem RICHARD WAGNER und der geheimnisvolle Caféhausbesitzer, den wir nie zu Gesicht bekommen und der eine besondere Vorliebe für den Philosophen Nietzsche zu haben scheint.

Weiterer Vorführtermin:

So 25.02. 12:00
CineStar 8

9.

RETROSPEKTIVE

DIE LEUCHTE ASIENS

Ein Monumentalfilm aus dem Jahre 1925 von Hans Osten, gedreht in Indien, produziert aber von deutscher Seite, der größtenteils in der stilvollen Farbkombination WEISS – ROT und SCHWARZ präsentiert wird, leider mit etwas zu viel Massenaufmärschen, die ständig die Handlung ziemlich aufhalten.

Gewaltige Paraden von Menschenmengen an Statisten mit Elefanten oder Kamelen laufen da durch die Straßen, dazu gibt es viel Exotik und Kitsch vor den Kulissen indischer Tempel und Schlösser. Die Geschichte von dem Erleuchteten Gautama auf seinem Weg vom Prinzen zum Erleuchteten Buddha – wie auch die Geschichte seiner Frau, die ihm auf diesem Weg folgt – gerät bei all dem spektakulären Aufwand leider ein wenig in den Hintergrund.

10.

FORUM

11 x 14

(USA, R: James Benning)

Die bizarre Chronik einer Reise ohne Grund durch den Mittleren Westen der USA und der Aufenthalte, von denen die Reise unterbrochen wird. Dieser erste Langfilm von James Benning lief 1977 im Forum des Jungen Films und markierte einen Wendepunkt seines Schaffens. Nun ist er in einer restaurierten Fassung gestern in der Akademie der Künste wieder aufgeführt worden – in Anwesenheit des Regisseurs.

Faszinierend, wie die gängigen Konventionen des Kinos herausgefordert werden – so frage ich mich zum Beispiel, warum haben wir eine solche Obsession mit „Plot“ und „Story“? 11 x 14 „erzählt“ nicht und hat keine Story. Was wir sehen, sind Szenen, die sich der fahrenden Bewegung widmen, seien es lange Eisenbahnfahrten scheinbar ohne Ende, die Bewegung von dem Schatten eines startenden Flugzeuge, die Liebkosung eines wunderschönen Frauenkörpers durch die Hand einer anderen Frau, während gleichzeitig die Nadel über den Plattenteller wandert und wir in voller Länge das Stück „Black Diamond Bay“ von Bob Dylan hören (die Platte habe ich sogar). Die Schönheit der amerikanischen Zivilisation in den Siebziger Jahren tritt auf ihre eigene Art und Weise in Erscheinung.

PS: Der Mann heute Nachmittag im Café der Akademie der Künste mit den langen silbergrauen Haaren unter der Wollmütze (von dem ich dachte, er sei ein Obdachlosenzeitungsverkäufer), stellte sich kurze Zeit später auf der Bühne im Kinosaal als James Benning heraus.

Hier ein kleiner Ausschnitt, der die geniale Komposition der Bildelemente inklusive Wirkung von Licht und Schatten illustriert:

11×14, airplane shot (1977) from user1946100 on Vimeo.

Sonntag, 18.2. Tag 4

Generation Kplus Mochila de plomo Packing Heavy | Bleirucksack

von Darío Mascambroni Argentinien 2018 Spanisch 67 Min · Farbe
empfohlen ab 12 Jahren Weltpremiere
„Wenn Papa noch leben würde … Wärt ihr dann immer noch zusammen?“ · „Ja … Ja, ich denke schon.“

Heute ist der Tag der Wahrheit. Viel zu lange hat sich der zwölfjährige Tomás von den Erwachsenen vertrösten lassen. Seine Mutter, sein Großvater und die angeblichen Freunde seines Vaters, sie alle haben um ihn herum ein Labyrinth des Schweigens, der Ausflüchte und Widersprüche errichtet. Damit ist jetzt Schluss. Denn heute ist der Tag, an dem der Mann aus dem Gefängnis kommt, der seinen Vater getötet hat. Und Tomás ist vorbereitet. In seinem Rucksack hat er eine geladene Pistole. Rastlos und fest entschlossen, sich von den Halbwahrheiten der Erwachsenen zu befreien, zieht Tomás durch seinen Heimatort. Nach seinem Debüt Primero enero (Generation 2017) beweist Darío Mascambroni erneut seine feine Beobachtungsgabe, mit der er in atmosphärischen Bildern diese Vater-Sohn-Geschichte erzählt.
Generation Kplus
Les rois mongols Cross My Heart | Hand auf’s Herz
von Luc Picard Kanada 2017 Französisch, Englisch 104 Min · Farbe empfohlen ab 12 Jahre
„Mimi … hättest du gerne eine Oma? Sie könnte uns in den Schlaf wiegen, uns vorlesen, uns Kuchen backen …“ · „Und ein Micky-Maus-Kostüm nähen?“
Montreal 1970. Während die linksradikale-nationalistische „Front für die Befreiung Quebecs“ die Provinz in den Ausnahmezustand versetzt, muss die zwölfjährige Manon tatenlos zusehen, wie ihre Familie auseinanderfällt. Der Vater ist krank und die überforderte Mutter gezwungen, ihre beiden Kinder in getrennte Pflegefamilien zu geben. Doch Manon hat sich geschworen, ihren kleinen Bruder Mimi niemals allein zu lassen, und fasst einen tollkühnen Plan: Sie gründet eine revolutionäre Zelle und entführt gemeinsam mit ihren Cousins eine ahnungslose Oma. Sie fordern selbstgebackenen Kuchen, Gutenachtgeschichten und vor allem, dass man sie so leben lässt, wie sie es wollen. In einer abgelegenen Hütte verbringen sie Tage in paradiesischer Freiheit fernab von der Ignoranz der Erwachsenen.
Kurzfilme 2 – Kplus 18.02. 13:30 CinemaxX 3 (E) Deutsch eingesprochen | Kopfhörer für OV

Generation Kplus
Yover

von Edison Sánchez Kolumbien 2018 Spanisch
mit Yober Calvo Cuesta, Adalberto Scarpeta Romaña, Litzy Zamira Díaz
Empfohlen ab: 9 Jahren 12′

Generation Kplus
Trois rêves de ma jeunesse Three Dreams of My Childhood | Drei Träume meiner Kindheit

von Valérie Mréjen, Bertrand Schefer Rumänien 2017 Ohne Dialog
mit Adèle Hélène Esther Schefer, Bogdan Mares
Empfohlen ab: 9 Jahren 9′

Generation Kplus
Tråder Threads | Bänder

von Torill Kove Norwegen / Kanada 2017 Ohne Sprache
Empfohlen ab: 9 Jahren 14′
Generation Kplus
Jaalgedi A Curious Girl | Ein neugieriges Mädchen

von Rajesh Prasad Khatri Nepal / Frankreich 2017 Nepalesisch
mit Sharmila Khadka, Nanda Lal Khadka, Jhupri B.K.
Empfohlen ab: 9 Jahren 12′

Generation Kplus
Paper Crane Papierkranich

von Takumi Kawakami Australien 2018 Koreanisch, Englisch
mit Sonya Markowsky, Jin Kyoo Kang, Seon Hwa Yun, Juyoun Kang
Empfohlen ab: 9 Jahren 9′

Generation Kplus
Fire in Cardboard City In Pappstadt brennt’s

von Phil Brough Neuseeland 2017 Englisch
mit Leigh Hart, Ella Wilks, Anna Hall, Jeremy Wells, Matt Heath
Empfohlen ab: 9 Jahren

Wettbewerb (außer Konkurrenz)
Black 47

1847. Ein irischer Soldat, der in Afghanistan gekämpft hat, kehrt in die Heimat zurück und erlebt Hungersnot und britische Willkür. Er wird zum Rächer seiner toten Familie und fordert die britischen Besatzer quer durch die sozialen und politischen Hierarchien heraus.
Von Lance Daly Irland / Luxemburg 2018 Englisch
mit Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Barry Keoghan
Perspektive Deutsches Kino
Die defekte Katze
A Dysfunctional Cat

von Susan Gordanshekan Deutschland 2018 Deutsch, Persisch
mit Pegah Ferydoni, Hadi Khanjanpour, Henrike von Kuick, Constantin von Jascheroff, Arash Marandi Generation 14plus
Virus Tropical

von Santiago Caicedo Kolumbien 2017 Spanisch
mit María Cecilia Sánchez, Martina Toro, Alejandra Borrero, Diego León Hoyos, Mara Gutiérrez Berlinale Special Gala
Monster Hunt 2

von Raman Hui Volksrepublik China / Hongkong, China 2017 Mandarin
mit Tony Chiu Wai Leung, Baihe Bai, Boran Jing, Chris Lee, Yo Yang Forum
Jahilya

von Hicham Lasri Marokko / Frankreich 2018 Arabisch
mit Mostapha Houari, Salma Eddlimi, Hassan Ben Badida, Rami Fijjaj, Zoubir Abou Al Fadl

Samstag, 19.2. Tag 3

Cobain von Nanouk Leopold Niederlande / Belgien / Deutschland 2017 Niederländisch, Englisch 94 Min · Farbe Weltpremiere
„Hör mal, Junge, sie isses nicht wert. Die kommt doch eh wieder auf die schiefe Bahn. Irgendwann liegt sie tot im Straßengraben, nachdem sie sich noch so einen wie dich zugelegt hat.“ · „Das ist meine Mutter, von der du so redest.“
Auf der Suche nach seiner Mutter streift Cobain allein durch die Straßen. Unterwegs begegnen ihm alte Bekannte, Mitarbeiter des Jugendamtes und der Methadonvergabestelle. Er ist zerrissen zwischen der Aussicht auf ein anderes Leben in einer Pflegefamilie, ein Zuhause, vielleicht sogar Geborgenheit, und der Angst um seine Mutter, die alle außer ihm bereits aufgegeben haben. Debütant Bas Keizer verleiht Cobain ein Gesicht, in dem Sanftmut und Wut, Sorge und Sehnsucht ständig miteinander ringen. In stiller Radikalität, mit entsättigten Farben und kargen Gitarrenriffs erzählt Nanouk Leopold auf ergreifende Weise von einem modernen Helden, der früh erwachsen werden muss.

What Walaa Wants von Christy Garland Kanada / Dänemark 2018 Arabisch Dokumentarische Form 89 Min · Farbe Weltpremiere
„Im Sicherheitswesen zu arbeiten ist toll.“ · „Und ich bekomme eine zugelassene Waffe. Wie sonst soll man Autorität durchsetzen?“ · „Die Ausbildung wird ihre Haltung dazu ändern.“
Während ihre Mutter in einem israelischen Gefängnis inhaftiert war, wuchs Walaa in einem Flüchtlingslager auf. Sie hat keine Lust jung zu heiraten und Kinder zu bekommen, auch die Schule interessiert sie nicht besonders. Was sie möchte, ist Polizistin bei der Palästinensischen Autonomiebehörde zu werden, der quasistaatlichen Einrichtung, die die palästinensischen Gebiete verwaltet. Der Film begleitet die aufmüpfige junge Frau von ihrem 15. bis zum 20. Lebensjahr. Stets auf Augenhöhe mit der jungen Protagonistin zeichnet Garland ein intimes Portrait des rebellischen Mädchens, die teils unkontrolliert, aber hartnäckig ihrem Traum folgt.

Klasse Dokumentation. Über 6 Jahre begleitet die Filmemacherin ihre Protagonistin.
Q and A Mitschnitt – Chris Bellaj – Alle Rechte vorbehalten.

Blick aus dem 17. Stock auf den BerlinalePalast und Potsdamer Ppatz

Freitag, 18.2. Tag 2

Generation Kplus
Den utrolige historie om den kæmpestore pære
The Incredible Story of the Giant Pear | Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne
von Philip Einstein Lipski, Amalie Næsby Fick, Jørgen Lerdam Dänemark 2017 Dänisch
„Wer auch immer diese Nachricht findet…“ · „ich bin gestrandet…“ · „auf der geheimnisvollen Insel…“ · „Bitte rettet mich…“ · „Aber gebt Acht vor den schaurigen…“ · „Piraten…“ · „und dem pechschwarzen…“ · „Meer.“
Mika und Sebastian staunen nicht schlecht, als sie eines Tages eine Flaschenpost aus dem Meer ziehen. Darin finden sie einen Brief ihres spurlos verschwundenen Bürgermeisters H.B. und einen Samen, der über Nacht zu einer riesengroßen Birne auswächst. Nach kurzen Irrungen und Wirrungen wird diese zum Segelboot. Schon findet sich der ängstliche Sebastian mit der wasserscheuen Mika und dem verrückten Professor Glykose mitten auf dem Meer in Richtung der geheimnisvollen Insel wieder. Hier vermuten sie H.B.. Etwas beunruhigend ist nur, dass noch niemand von dieser Insel zurückgekehrt ist. Getreu der vor Einfallsreichtum und Witz nur so sprudelnden Kinderbuchvorlage des dänischen Karikaturisten und Autors Jakob Martin Strid entwickelt sich ein rasantes Animationsfilmabenteuer.
Netter Einstieg zur Eröffnung von Kplus.

SPK Komplex

Das 1970 in Heidelberg gegründete antipsychiatrische Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) führte individuelles Leiden auf die kapitalistischen Strukturen der Gesellschaft zurück. Es begann als selbstorganisiertes gruppentherapeutisches Experiment des Arztes Wolfgang Huber mit Psychiatriepatienten, betrieb Hegel-Lektüre und Einzelagitation, radikalisierte sich politisch und endete mit Strafprozessen und dem Abtauchen einiger Mitglieder in der RAF. Ein wenig bekanntes Kapitel westdeutscher Geschichte wird hier unprätentiös und höchst beeindruckend erschlossen. Anhand von aufwendig recherchierten Dokumenten wie Akten des Innenministeriums, der Universität, Pressefotos und TV-Beiträgen, bei Ausflügen nach Stammheim und Italien sowie in Gesprächen mit Ehemaligen von SPK bzw. RAF, Anwälten und Staatsschutz entsteht ein präzises Bild des gesellschaftlichen Klimas im Deutschen Vor-Herbst. Vor allem aber kommt dank der gekonnten Gesprächsführung eine echte Begegnung mit den Menschen vor der Kamera zustande: Wie sie sich und das SPK rückblickend sehen, wo sie Zeugnisse aus jener Zeit hervorkramen und ob ihr Widerstand ins Heute reicht – auch das geht in Kroskes Geschichtsschreibung ein.

Gerd Kroske Deutschland 2018 Deutsch, Italienisch Dokumentarische Form 111 Min · Farbe & Schwarz-Weiß

Damsel von David & Nathan Zellner USA 2017 Englisch 113 Min · Farbe
Samuel Alabaster, mehr Greenhorn als Pionier, macht sich auf in die Weiten der amerikanischen Wildnis. Er ist auf der Suche nach Penelope, der Liebe seines Lebens, die er heiraten will. Begleitet wird er von seiner Gitarre, dem Zwergpony Butterscotch als Hochzeitsgeschenk und dem trinkfreudigen Parson Henry, der als Zeremonienmeister angeheuert ist. Kaum hat sich das kuriose Gespann auf den Weg gemacht und die ersten Gefahren gemeistert, rückt Samuel mit der ganzen Wahrheit heraus: Penelope muss aus den Fängen eines Entführers befreit werden – notfalls mit Waffengewalt. In einer abgelegenen Blockhütte soll der Kidnapper Penelope gefangen halten. Die Befreiungspläne wurden jedoch ohne die potenzielle Braut geschmiedet: Die taffe Penelope denkt nämlich gar nicht daran, Mrs. Alabaster zu werden … Wie der Held und sein Pony mäandert auch der Film als waghalsige Western-Interpretation durch Satire, Slapstick und Parodie. Für den blutigen Ernst sorgt nicht zuletzt die beinharte Heldin, die bestens weiß, wie sie mit der Flinte in der Hand ihren Willen durchsetzt.

303 von Hans Weingartner Deutschland 2018 Deutsch, Portugiesisch 145 Min · Farbe Weltpremiere
„Weißt du, der Gedanke, dass alles vergänglich ist, der ist nicht nur traurig. Der ist auch tröstend. Ich glaube, das ist auch mit das Wichtigste, was man in einer Beziehung kapieren muss. Du gehörst zu mir, aber du gehörst mir nicht.“
Jan ist davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus egoistisch ist. Deswegen ist er auch nicht weiter überrascht, als ihn in Berlin seine Mitfahrgelegenheit versetzt. Jule hingegen glaubt, dass der Mensch im Kern empathisch und kooperativ ist, und bietet Jan einen Platz in ihrem Wohnmobil an. Beide sind unterwegs Richtung Atlantik. Jan will nach Spanien, Jule zu ihrem Freund nach Portugal. Eigentlich soll es gemeinsam nur bis Köln gehen, doch mit jedem Kilometer eröffnet sich etwas mehr von der Welt des Anderen. Macht der Kapitalismus den Menschen zum Neandertaler? Führt Monogamie ins Unglück und kann man sich aussuchen, in wen man sich verliebt? Ein Roadtrip durch Westeuropa, lebenshungrig und romantisch, zwischen Fernweh und dem Wunsch, irgendwo anzukommen.

Donnerstag, 15.2. – Tag 1 – Daniel

Während die offizielle Berlinale heute eröffnet wird, fand bereits gestern abend die Eröffnung der Sektion FORUM EXPANDED in der Akademie der Künste statt – dort werden Installationen und andere das übliche Kinoformat sprengende Multimedia-Experimente präsentiert – dieses Jahr unter dem Motto – „A MECHANISM CAPABLE OF CHANGING ITSELF“. Ich traf mich zuvor mit der Sektionsleiterin Stefanie Schulte Strathaus, um vorab einige der interessantesten Details in Erfahrung zu bringen.

Donnerstag, 15.2. Tag 1

Komme gerade aus dem neues Wes Anderson – Isle of Dogs, der am Abend das Festival eröffnen wird. Pressekonferenz dazu war auch nett, mit Wes Anderson (Director, Screenwriter, Producer) Roman Coppola (Screenwriter) Jason Schwartzman (Screenwriter) Kunichi Nomura (Screenwriter, Voice Actor) Voice Acting: Bryan Cranston (Chief) Koyu Rankin (Atari) Greta Gerwig (Tracy Walker) Liev Schreiber (Spots) Bill Murray (Boss) Bob Balaban (King) Jeff Goldblum (Duke)  Tilda Swinton war auch da und ist Teil des Teams und noch ein paar mehr passten nicht auf die Bühne. Und die Pressekonferenz wurde wegen Überfüllung geschlossen, kein Wunder, bei diesem Cast. Hier die gesamte Pressekonferenz als Mitschnitt:

Berlinale 2018 bei fraktalorg.de

Hi zum Fraktalorg.de Berlinaleblog 2018.
Alles was in der Radioberichterstattung keinen Platz findet, findet sich im Laufe des Festivals in diesem Blog. Keine Angst, die Radioberichte werden auch hier wieder zu hören sein 🙂
Bilder, Texte, Interviews und Videoclips bekommen hier zwischen 7. Februar und 7. März ihren Platz, und bereichern hoffentlich die tägliche Berichterstattung bei Radio Z in Nürnberg.

Ich wünsche viel Vergnügen beim Durchstöbern und freue mich übers Teilen

Chris Bellaj

Kontakt:
Chris Bellaj c/o Radio Z
Kopernikusplatz 12 90459 Nürnberg
+49 911 450060
frames(at)radio-z.net chris(at)fraktalorg.de

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