Mittwoch, 21.2. Tag 7

Perspektive Deutsches Kino Whatever Happens Next

von Julian Pörksen Deutschland / Polen 2018 Deutsch
mit Sebastian Rudolph, Lilith Stangenberg, Peter René Lüdicke, Christine Hoppe, Eike Weinreich Klar, gehen könnte man immer. Jetzt. Sofort. Man könnte aus dem Auto, dem Zug, vom Fahrrad steigen und einfach weg sein. Diesem Gedanken, den man normalerweise rasch verdrängt, gibt der 43-jährige Paul Zeise eines Tages nach und lässt alles zurück: Frau, Beruf, die gesamte bürgerliche Existenz. Fortan gondelt er als freundlicher Taugenichts, Schnorrer und Hochstapler durchs Land. Ungebeten setzt er sich in fremde Autos, ebenso ungebeten taucht er auf Partys und Beerdigungen auf, macht gemeinsame Sache mit einer dementen Großmutter und versetzt unabsichtlich eine Kleinfamilie in Angst und Schrecken, weil er sich schamlos in deren Leben drängt. Von einem Studenten nach Polen mitgenommen, irrt er dort als Wohnungsloser durch die Straßen, zieht zwischenzeitlich ins Krankenhaus ein und verliebt sich schließlich in die etwas durchgeknallte Nele (29), die ihn ihrerseits ins Wunderland ihres Lebens hineinzieht. Dass ihm inzwischen ein von seiner Frau beauftragter Privatdetektiv auf den Fersen ist, ahnt Paul nicht. Julian Pörksens Film ist ein ebenso komischer wie melancholischer Streifzug durch unsere Gesellschaft, eine von schönen, dubiosen und verirrten Charakteren bevölkerte Welt.
Generation 14plus Danmark Denmark

von Kasper Rune Larsen Dänemark 2017 Dänisch
mit Frederikke Dahl Hansen, Jonas Lindegaard Jacobsen, Jacob Skyggebjerg, Jens „JK“ Kristian, Marta Holm „Wie gehts dir?“ · „Küssen wir uns ab jetzt zur Begrüßung?“

Norge und seine Freunde leben in den Tag hinein, trinken, rauchen, feiern und haben immer etwas zu erzählen. Als die 16-jährige Josephine ihm eröffnet, dass sie schwanger ist, herrscht nur für einen kurzen Moment Stille. Die beiden Jugendlichen beginnen, sich zaghaft anzunähern, und es entstehen Gefühle, die ihr bisheriges Bild vom Leben und von sich selbst in Frage stellen. Das Wort „Liebe“ würde ihnen dafür nicht unbedingt in den Sinn kommen. Die Kamera registriert aufmerksam ihre Gesten und Blicke, beobachtet, was die Körper und Gesichter einander sagen, oder eben nicht. Urteilsfrei und aus respektvoller Nähe zeichnet Kasper Rune Larsen in seinem Debütfilm ein realistisches Porträt junger Leute und der komplizierten Vielgestalt ihrer Wirklichkeiten.
Generation 14plus Dressage

von Pooya Badkoobeh Iran 2018 Farsi
mit Negar Moghaddam, Yasna Mirtahmasb, Baset Rezaei, Houshang Tavakoli, Ali Mosaffa „Golsa. Gib uns den Film. Du weißt, was passieren wird, wenn ihn jemand findet. Was willst du?“ · „Schrotte das Auto deines Vaters.“ · „Wie?“ · „Fahr gegen einen Baum.“ · „Bist du verrückt?“

Mehr aus Langeweile als aus Not rauben Golsa und ihre Freund*innen einen Kiosk aus. Beim Zählen der Beute fällt ihnen auf, dass sie versäumt haben, die Aufzeichnung der Überwachungskamera mitzunehmen. Jemand muss an den Tatort zurückkehren und den Film holen. Golsa beugt sich den Anderen, doch die Konsequenzen des Überfalls geben ihr nachhaltig zu denken. Anstatt den Datenträger auszuhändigen, versteckt sie ihn im Pferdestall, dort, wo sie sich am freiesten fühlt. Im Verborgenen sucht sie einen eigenen Weg, mit der Tat umzugehen. Aus Angst um ihr gesellschaftliches Ansehen setzen ihre Kompliz*innen und deren Familien aus der iranischen Oberschicht sie zunehmend unter Druck. Golsa beginnt sich der allgegenwärtig wirkenden Logik von Macht, Erpressung und Geld zu entziehen.
Generation 14plus Les faux tatouages Fake Tattoos

von Pascal Plante Kanada 2017 Französisch, Englisch
mit Anthony Therrien, Rose-Marie Perreault, Lysandre Nadeau, Brigitte Poupart, Nicole-Sylvie Lagarde

>„Lemonade ist ein total geiles Album! Beim Konzert habe ich sogar den ‚Single Ladies‘ Tanz getanzt.“ · „Dich packt echt der Single Ladies Vibe?“ · „Ja, seit ein paar Wochen bin ich eine Vollzeit-Single-Lady.“

Mag bemerkt Théos Fake-Tattoo sofort. Nach einem Punk-Konzert treffen die beiden unverhofft an einer Bartheke aufeinander. Mit ihrer selbstsicheren Art verunsichert Mag den introvertierten Rocker, lockt ihn aber auch aus der Reserve und lädt ihn ein, die Nacht mit ihr zu verbringen. Es ist sein 18. Geburtstag und die Begegnung mit Mag ist so schicksalhaft wie ungünstig – in zwei Wochen zieht Théo zu seiner Schwester, vier Autostunden entfernt. Eine Beziehung mit „Ablaufdatum“, sagt Mag. Dennoch genügt die wenige Zeit, um zu bemerken, dass Théo etwas belastet. Mag fragt nicht nach, sie nimmt die Umstände wie sie eben sind. Leichtigkeit und Reife liegen in ihrer Haltung, mit der auch Regisseur Pascal Plante von dieser Liebe erzählt.

Kurzfilme 3 – Kplus
Generation Kplus
Brottas Tweener | Ringen

von Julia Thelin Schweden 2018 Schwedisch
mit Ellen Bökman, Nadine Arizcurinaga Ben Chaouch, Inez Torhaug, Arman Fariborz Saleh, Alexej Manvelov
Empfohlen ab: 12 Jahreneneration Kplus
Cena d’aragoste Lobster Dinner | Hummer zum Abendbrot

von Gregorio Franchetti USA / Italien 2017 Italienisch
mit Matteo De Buono, Edoardo Zuena, Marta Zoffoli, Fanni Wrochna
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus Hvalagapet Walschlund

von Liss-Anett Steinskog Norwegen 2017 Norwegisch
mit Sina Håland, Sivert Goa
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus  Snijeg za Vodu Snow for Water | Schnee für Wasser

von Christopher Villiers Bosnien und Herzegowina / Großbritannien 2017 Bosnisch
mit India Tanović, Hadrian Tanović, Izudin Bajrović, Saša Krmpotić, Amar Čustović
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus Toda mi alegría All My Joy | Augenblicke meiner Freude

von Micaela Gonzalo Argentinien 2017 Spanisch
mit Tali Slipak, Ornella D’Elia, Mauro Gonzalo, Tobías Millstein, Gonzalo Altamirano
Empfohlen ab: 12 Jahren
Generation Kplus A Field Guide to Being a 12-Year-Old Girl Handbuch einer 12-Jährigen

von Tilda Cobham-Hervey Australien 2017 Englisch
Empfohlen ab: 12 Jahren
Dokumentarische Form

Galerie zwischendurch


Dienstag, 20.2. Tag 6

Perspektive Deutsches Kino draußen outside

von Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht Deutschland 2018 Deutsch Dokumentarische Form

Obdachlose, Berber, Vagabunden, Nichtsesshafte. Alles das Gleiche? Oder völlig Unterschiedliches? Manchmal leisten bereits die Worte Hilfestellung für einen Perspektivwechsel. Auch draußen nimmt andere Perspektiven ein: Der Film begleitet vier Menschen, die auf der Straße leben und wenig besitzen. Darunter nichts, was gesellschaftlichen Status sichtbar machen könnte, und dennoch alles wertvoll. Matze, Elvis, Filzlaus und Sergio sind Überlebenskünstler und Persönlichkeiten. Um ihre Geschichten zu erfahren, verfolgen die beiden Regisseurinnen eine besondere Strategie: Sie konzentrieren sich auf die Gegenstände, die ihre Protagonisten bei sich tragen. Sie bitten sie, ihnen ihre Welt zu öffnen und einen Blick in ihre Plastiktüten, Taschen, Einkaufswagen zu gewähren, so, als würde man ein fremdes Haus betreten. Die Objekte darin enthalten — eben weil es nur so wenige sind — eine Fülle von Informationen und Bedeutungen, sind mit Emotionen und Erinnerungen aufgeladen, Bruchstücke von Lebensgeschichten. In Gesprächen nimmt diese Fülle Gestalt an. Wir berühren und werden berührt.
Deutschland 2018 Deutsch Dokumentarische Form 80 Min · Farbe · 2K DCP Weltpremiere
Unaufgeregt belgeitet die Kamera ihre Protagonisten. Die Männer erzählen von ihrem Leben, ihren Problemen, ihren Wünschen und Idolen. Die Kamera wirft einen intimen Blicke auf ihre Schätze und ihr Eigentum, während wir erfahren, warum sie auf der Straße leben und teilweise ihre Familien verlassen haben. Ausgeklammert wird die Interaktion mit anderen Menschen. Optisch gibt es einige spannende Eintellungen, die Objekte gut in Szene setzen. Die Doku ist unaufgeregt und ohne überraschungen, gut gemacht.

Generation 14plus Unicórnio Unicorn

von Eduardo Nunes  Brasilien 2017 Portugiesisch
mit Bárbara Luz, Patrícia Pillar, Zé Carlos Machado, Lee Taylor
„Ich weiß nicht, was es war, Papa. Ich denke, es war das Licht, das durch das Fenster kam und ihr Gesicht erhellte. Mama! Warum siehst du so schön aus?“ In berauschend immersiven Bildern zeichnet das rätselhafte Drama die Coming-of-Age-Geschichte der 13-jährigen Maria, die allein mit ihrer Mutter in ländlicher Abgeschiedenheit lebt. Als ein junger Mann mit seiner Ziegenherde in die Nachbarschaft zieht, gerät ihr Leben aus dem Gleichgewicht. Während in Maria verborgene Wünsche und Ängste aufkeimen, beobachtet sie besorgt, wie ihre Mutter aufblüht. Ihre Gedanken teilt Maria nur mit ihrem Vater, den sie in einer irreal anmutenden Heilanstalt besucht. Wieso ist er dort? Und warum behauptet er, dass Gott böse sei? Maria entschließt sich zu etwas Unbegreiflichem. Zwischen betörender, visueller Opulenz und der märchenhaften Poesie seiner Erzählung schafft der Film einen Raum, der Fantasie und Reflexion zugleich nährt.
Zwei Kurzgeschichten wurden hier umgesetzt. der Film besticht durch seine Landschaft und deren Charakter, während ich das zu Filmbeginn und zwischendurch auftauchende EInhorn als überflüssiges Beiwerk befand. Hoffentlich sieht niemand den Film wegen des Einhorns an. Spannender ist die Geschichte des Mädchens,aus eren Perspektive wir die Tage erleben und das eifersüchtig reagiert, als die Mutter dem jungen Hirten näher kommt. Geräusche, Bäume, Tiere und eben die Landschaft bieten eine gute Kulisse und wir wissen nicht, ob die Unterhaltungen mit dem Vater in einem dunklen gekachelten Zimmer ihre Fantasie sind oder vielleicht seine. Skuril, fast ein wenig schrullig und er könnte die Kurzgeschichte auch kurz erzählen, doch die Ästhetik der Bilder steht im Vordergrund.
Forum Teatro de guerra Theatre of War

von Lola Arias Argentinien / Spanien 2018 Spanisch, Englisch, Nepalesisch
Dokumentarische Form
Der Krieg um die Falklandinseln dauerte von April bis Juni 1982 und kostete 655 argentinische und 255 britische Soldaten das Leben. Er endete mit der militärischen Niederlage Argentiniens und bis heute umstrittenen Gebietsansprüchen zwischen den beiden Staaten.
35 Jahre nach Kriegsende lädt die argentinische Künstlerin und Regisseurin Lola Arias Veteranen ein, sich zu erinnern – gemeinsam, zu zweit oder im Dialog mit der Kamera. Briten und Argentinier stehen sich als ehemalige Feinde gegenüber. Zugleich bilden sie ein Ensemble, wenn sie etwa in einem verlassenen Gebäude, einer Bühne gleich, eine Kampfszene nachstellen. Landkarten, verblichene Zeitschriften, Aufnahmen aus der unwirklichen Gegend der Gefechtsschauplätze liefern visuelle Ausgangspunkte und filmische Räume für ihre Geschichten über die Angst vorm Sterben und vorm Töten, über die Auswirkungen eines Krieges, der sie alle gezeichnet hat. Doch Teatro de guerra bleibt nicht in der Vergangenheit: In inszenierten Begegnungen mit jungen Schauspielern, die heute so alt sind wie Marcelo, Jim und die anderen es damals waren, stellt der Film auch die Frage, wie Erinnerungen vererbt werden und weiterleben.
Spannendes Projekt, das hier für die Leinwand adaptiert wurde. Der Malwinas/Falkland Konflikt von Veteranen/Soldaten, Anfang 50, aus ihrer Perspektive ein wenig aufgearbeitet. Leider wirken die Ausschnitte fast beliebig, auch wenn der rote Faden klar wird, vielleicht hätte man doch bei der Installation und dem Theaterstück bleiben sollen, auch wenn es spannend ist, hier eine Auseinandersetzung von beiden Seiten mitzubekommen und auch die junge Generation in Form von Schülerinnen und Schülern mit einbezogen wird.
Forum
An Elephant Sitting Still

von Hu Bo
Volksrepublik China 2018
Mandarin
mit Zhang Yu, Peng Yuchang, Wang Yuwen, Liu Congxi
In der nordchinesischen Stadt Manzhouli soll es einen Elefanten geben, der einfach nur dasitzt und die Welt ignoriert. Manzhouli wird zur fixen Idee für die Helden dieses Films, zum erhofften Ausweg aus der Abwärtsspirale, in der sie sich befinden. Da ist der Schüler Bu, der auf der Flucht ist, nachdem er den Schulhofschläger Shuai die Treppe hinuntergestoßen hat. Dann Bus Mitschülerin Ling, die mit ihrer Mutter bricht und sich von ihrem Lehrer umgarnen lässt, und Shuais älterer Bruder Cheng, der sich für den Suizid eines Freundes verantwortlich fühlt. Schließlich, neben vielen anderen Figuren, deren Schicksale untrennbar verknüpft sind, Herr Wang, ein rüstiger Pensionär, dessen Sohn ihn in ein Heim verfrachten will. In virtuosen Bildkompositionen erzählt der Film einen einzigen spannungsgeladenen Tag vom Morgengrauen bis zum Abend, wenn endlich der Zug nach Manzhouli abfahren soll.
Hu Bo, der in China bereits mit seinen Romanen Aufsehen erregte, gibt mit diesem vierstündigen Porträt einer Gesellschaft von Egoisten sein elektrisierendes Regiedebüt. Tragischerweise ist es zugleich sein Testament. Am 12. Oktober 2017 hat sich der 29 Jahre junge Künstler das Leben genommen.

Als es nach 2,5 Stunden aufregend wurde, hab ich erstmal eine halbe Stunde Pause gemacht, bevor ich mit dann die letzten Minuten angesehen habe. Pause hab ich deswegen gemacht, weil die Charaktäre wie Puppen wirkten, die von jemandem gespielt werden, fast zombiesk in ihrer gesellschaftlichen Stellung oder in ihren Positionen gefangen wirkten. Der Ausbruch wirkte dann umso heftiger. Die Geschichte ist dabei keine Minute langweilig, auch wenn sie in grauer depressiver Umgebung spielt, sondern steigert sich bis zuletzt und verwehrt dann doch irgendwie den Höhepunkt, trotz Tod und Leid, Rache, Unterdrückung und fehlender Zukunftsperspektiven. Schüler und ihre Träume, ihre Altagsprobleme, Mobbing und Sehnsüchte nach etwas Anderem, etwas Besserem bilden den Mittelpunkt der Geschichte und dazu die Flucht vor möglichen Konsequenzen der eigenen Handungen. Vielleicht ist es doch der Lichtblick, wenn es heißt, wollen wir nachsehen, ob es woanders wirklich nicht besser ist. Und dann ist da noch der Sitznde Elefant, der verbindet. Sehenswert.

Forum
Yours in Sisterhood

von Irene Lusztig
USA 2018
Englisch
Dokumentarische Form
Atlanta, vor einer Tankstelle an einer kleinstädtischen Straßenkreuzung. Bowling Green, Kentucky, auf einem Privatanwesen mit perfekt gepflegtem Rasen. Ein Garten vor einem Einfamilienhaus in Connecticut. Auf den ersten Blick sind es unscheinbare Orte, an denen Irene Lusztig auf ihrer zweijährigen Reise durch die USA mehrheitlich Frauen bittet, Leserbriefe vorzulesen und zu kommentieren, die aus dem Archiv der liberal-feministischen Zeitschrift „Ms.“ stammen. Geschrieben vor ungefähr 40 Jahren, zumeist von Frauen, die in der Zeitschrift erschienene Artikel zum Anlass nahmen, von sich zu erzählen – offenherzig, privat, oft erleichtert, manchmal erbost. In den Briefen geht um Schwangerschaftsabbrüche, um lesbische Liebesaffären von verheirateten Frauen, um die Ignoranz des Magazins gegenüber Lebenswirklichkeiten schwarzer Frauen…
Irene Lusztig gelingt es in ihrer dokumentarischen Inszenierung, einen Fundus der Frauenbewegung von damals in eine vielschichtige Beziehung mit der Gegenwart zu bringen. Das Wort steht dabei nur vermeintlich im Vordergrund. Dem Publikum ist es überlassen, einen feministischen Kosmos zu entdecken, den Yours in Sisterhood auf vielen Ebenen zugänglich macht.

Spannend, wie die Briefe vorgelesen werden und erschreckend, wenn Leute von Heute, mit den Problemen aus den 70ern konfrontiert werden und feststellen, dass die Gesellschaft sich nicht zum Besseren weiterentwickelt hat, sondern nur ihre Probleme vor sich herschiebt. Manchmal sogar wieder ins Gegenteil verkehrt. Emanzipation ist ein Prozess, auf dem man sich nicht ausruhen kann, es ist eine stetige Bewegung und ein Muss, daran weiterzuarbeiten und etwas zu unternehmen, erkennen auch die Leserinnen von Heute. Während am Anfang nur gelesen wird, übernimmt im Laufe des Films die Kommentierung und Einschätzung selbiger eine immer wichtigere Rolle. Sehenswert, gerne kürzer.
Forum
14 Apples

von Midi Z
Taiwan / Myanmar 2018
Burmesisch
Dokumentarische Form
Wang Shin-hong leidet unter Schlaflosigkeit. Ein Wahrsager rät zu einer 14-tägigen Kur, während der der Geschäftsmann aus Mandalay – sein Auto, seine gefüllte Geldbörse verraten, dass die Geschäfte relativ gut laufen – sich als temporärer Mönch in einem Kloster aufhalten und täglich einen Apfel essen soll. So etwas geht in Burma, heute.
Wang Shin-hong kommt im zugewiesenen ländlichen Kloster an, wird rasiert und ist in der roten Kutte prompt eine Autorität. Die Frauen im Dorf – man sieht ihrer Kleidung, den Hütten im Hintergrund an, wie arm sie sind – stecken auf der Willkommensprozession mehr als sie haben in seine Almosenschüssel. Wang Shin-hong erfährt wenig später als ihr Berater, der er kurzzeitig geworden ist, von den Versuchen der Dorfbewohner, wie sie als legale oder illegale Arbeitsmigranten in China, Thailand oder Malaysia versuchen zu überleben, ein Auskommen zu finden. Und davon, wie die anderen Mönche im Kloster versuchen, von den zusätzlichen Einkünften zu profitieren. 14 Apples ist ein verstörender Dokumentarfilm über die verführerische Macht eines nicht nur an humanistischen Idealen ausgerichteten Buddhismus im Globalisierungszeitalter.

Nach 7 Äpfeln war Schluss, dann endet der Film. Ich will nicht behaupten, dass das spannnend war. Ein Ausschnitt aus einer Realität, ein paar Ängste, Sehnsüchte und Probleme, die Aufmerksamkeit erfordern. Naja, ok.

Montag, 19.2. Tag 5

Generation Kplus Dikkertje Dap My Giraffe | Mein Freund, die Giraffe

von Barbara Bredero Niederlande / Belgien / Deutschland 2017 Niederländisch
mit Liam de Vries, Yannick van de Velde, Rayan Belrhazi Alaoui, Martijn Fischer, Egbert-Jan Weeber

„Wir sollten doch gemeinsam zur Schule gehen.“ · „Giraffen brauchen keine Schule. Sie wissen alles, was sie wissen müssen.“
Aus einem der berühmtesten Kindergedichte der Niederlande entspinnt sich eine humorvolle, fantasievolle Geschichte um den Wert und den Wandel einer ungewöhnlichen Freundschaft. Dikkertjes bester Freund hat große, dunkle Augen, einen superlangen Hals und weiches, hellgeflecktes Fell: Er heißt Raf, kam am selben Tag wie Dikkertje zur Welt und ist eine sprechende Giraffe. Nun werden die beiden vier Jahre alt und ihr erster Schultag steht bevor. Das zumindest hat Dikkertje versprochen. Doch in der Schule sind Tiere nicht erlaubt. Bunte Luftballons zerplatzen, rote Gummistiefel bleiben ungetragen und abendliche Taschenlampengrüße unbeantwortet.
Kann man mehr als einen Freund haben? Wird klar beantwortet. Die sprechende Giraffe findet es heraus. Nett für die jüngeren Kids und kommt ins Kino. Checker Tobi gibt der Giraffe dann die Stimme.

 

74 Min · Farbe

Generation Kplus Ceres

von Janet van den Brand Belgien / Niederlande 2017 Niederländisch Empfohlen ab: 12 Jahren Dokumentarische Form
„Für mich war das Schlachten der Tiere nie etwas Schlimmes. Es ist einfach normal. Stadtkinder … ich glaube, die sehen so etwa nie. Sie sehen dafür andere Dinge, die ich nicht mitbekomme.“

Ferkel werden geboren, Kälber, Lämmer und Küken. Es wird gesät, gepflanzt und geerntet. Tiere werden geschlachtet. Die Kamera ist hautnah dabei; sie folgt Koen, Daan, Sven und Jeanine durch ihren Alltag. Die vier Kinder wachsen auf Bauernhöfen auf, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Von klein auf helfen sie bei der Arbeit, lernen Verantwortung zu tragen und Abschied zu nehmen. Werden sie die Höfe ihrer Eltern einmal übernehmen? In ihrem Langfilmdebüt porträtiert Janet van den Brand junge Menschen, ihre innige Verbundenheit mit der Natur, ihre Vorstellungen und Wünsche. Durch alle Jahreszeiten begleitet sie ihre Protagonist*innen und zeichnet ein realistisches Bild von Leben und Arbeit in der Landwirtschaft, ohne falsche Romantik und doch voller Poesie.

Dokumentarische Form 73 Min Farbe Weltpremiere
Unglaublich nah dran mit der Kamera, fast auf Makroebene. Hat mir sehr gut gefallen und ist nicht nur Stadtkids zu emfehlen, auch wenn geschlachtet wird. Freue mich auf das Interview mit dem Regisseur am Nachmittag.

Generation Kplus Los Bando

von Christian Lo Norwegen / Schweden 2018 Norwegisch, Schwedisch mit Tage Hogness, Jakob Dyrud, Tiril Marie Høistad Berger, Jonas Hoff Oftebro, Nils Ole Oftebro
Empfohlen ab: 9 Jahren

„Dann spiele ich mein Solo und du das Schlagzeug. Ich meine es ernst. Wir werden Legenden. Wir werden den Rock für immer verändern.“

Schon von klein auf träumen die besten Freunde Axel und Grim davon, mit ihrer Rockband „Los Bando Immortale“ in die Musikgeschichte einzugehen. Als sie eines Tages eingeladen werden, an der norwegischen Rock-Championship teilzunehmen, scheint plötzlich alles möglich. Nur leider kann Axel gar nicht singen. Und weil Grim es nicht übers Herz bringt, ihm die Wahrheit zu sagen, landen die beiden gemeinsam mit der neunjährigen Cellistin Thilda und dem Rallyefahrer Martin auf einem musikalischen Roadtrip Richtung Norden. Als sich daraus eine rasante Verfolgungsjagd entwickelt, zeigt sich, dass die Reise für jeden der vier auch einen Ausbruch darstellt. Mit jedem Kilometer wächst die Gruppe enger zusammen und steuert siegessicher das große Finale an.
94 Min · Farbe
Witziger Bandfilm, mit starker Bassistin, die ihren Traum vom Sieg beim großen Bandfestival umsetzen wollen. Zwischendurch wird festgestellt, dass manche Idole auch Arschlöcher sein können. Haltet am Traum fest und redet miteinander, grade, wenn der Sänger irklich nicht singen kann, sollte man es ihm sagen, denn beim Livekonzert wird Autotune nicht weiterhelfen.

Generation Kplus Les rois mongols Cross My Heart | Hand auf’s Herz

von Luc Picard Kanada 2017 Französisch, Englisch mit Milya Corbeil-Gauvreau, Anthony Bouchard, Henri Picard, Alexis Guay, Clare Coulter
Empfohlen ab: 12 Jahren

„Mimi … hättest du gerne eine Oma? Sie könnte uns in den Schlaf wiegen, uns vorlesen, uns Kuchen backen …“ · „Und ein Micky-Maus-Kostüm nähen?“

Montreal 1970. Während die linksradikale-nationalistische „Front für die Befreiung Quebecs“ die Provinz in den Ausnahmezustand versetzt, muss die zwölfjährige Manon tatenlos zusehen, wie ihre Familie auseinanderfällt. Der Vater ist krank und die überforderte Mutter gezwungen, ihre beiden Kinder in getrennte Pflegefamilien zu geben. Doch Manon hat sich geschworen, ihren kleinen Bruder Mimi niemals allein zu lassen, und fasst einen tollkühnen Plan: Sie gründet eine revolutionäre Zelle und entführt gemeinsam mit ihren Cousins eine ahnungslose Oma. Sie fordern selbstgebackenen Kuchen, Gutenachtgeschichten und vor allem, dass man sie so leben lässt, wie sie es wollen. In einer abgelegenen Hütte verbringen sie Tage in paradiesischer Freiheit fernab von der Ignoranz der Erwachsenen.

Kanada 2017 Französisch, Englisch 104 Min Farbe
Für mich unerartete Richtungen, nicht so vorhersehbar und ich hatte ihn eher bei 14 Plus erartet. Die Entführung einer alten Dame soll den Kids helfen, bringt aber nur weitere Probleme. Sehenswert mit einem Blick auf Umsturzzeiten und Militärrecht in Kanada, die die Kids nur am Rande mitbekommen werden.

Generation Kplus El día que resistía  he Endless Day | Der endlose Tag

von Alessia Chiesa Argentinien / Frankreich 2018 Spanisch mit Lara Rógora, Mateo Baldasso, Mila Marchisio Empfohlen ab: 11 Jahren

„Bleib nah bei mir. Im Wald sind vielleicht Wölfe.“ · „Wie in der Geschichte?“ · „Ja, wie in der Geschichte.“

Die achtjährige Fan ist allein mit ihren jüngeren Geschwistern Tino und Claa. Ihr Reich: ein großes, alleinstehendes Haus auf dem Lande, ein verwunschener Garten mit knorrigen Apfelbäumen und ganz in der Nähe ein geheimnisvoller Wald wie der aus „Hänsel und Gretel“. Fan kümmert sich liebevoll um Tino und Claa. Sie ist die Bestimmerin, legt die Regeln fest und liest den Kleinen gruselige Märchen vor. Bis Tino entdeckt, dass Fan sich selbst nicht an die Regeln hält und auch Claa ihren eigenen Wünschen folgt. Allmählich verliert sich die anfängliche Leichtigkeit des geschwisterlichen Zusammenlebens im immer bedrohlicher werdenden Dunkel des umliegenden Waldes. In beklemmend schönen Bildern erzählt Alessia Chiesa in ihrem Langfilmdebüt von Zuneigung und Rebellion.

Argentinien / Frankreich 2018 Spanisch 98 Min · Farbe Weltpremiere
Die drei Kids im Haus im Wald beginnen lustig und werden immer düsterer. Da lässt sich einiges vermuten und das Ende ist noch düsterer. Die Situation spitzt sich zu und endet in einem schlimmen Szenario. Die eigentliche Jexe aus der Geschichte ist die etwas ältere Schwester, vermutlich von den Erwachsenen, die sie instruiert haben dazu gemacht.

 

Perspektive Deutsches Kino Rückenwind von vorn Away You Go

von Philipp Eichholtz Deutschland 2018 Deutsch mit Victoria Schulz, Aleksandar Radenković, Daniel Zillmann, Angelika Waller, Karin Hanczewski

Ist Erwachsenwerden einfach und Erwachsensein schwer? Die Berlinerin Charlie findet es verdammt schwer, die Erwartungen ihrer Umgebung und ihre eigenen auseinanderzuhalten. Ihr Freund Marco möchte ein Kind und Kollege Gerry mutmaßt ungefragt: „Fünf Jahre zusammen? Na, da seid ihr doch bestimmt bald zu dritt.“ Doch Charlie ist sich uneins, ob es eigentlich schön wäre, ein Kind zu haben, oder ob sie sich dabei womöglich selbst verloren gehen würde. In ihrem Beruf als Lehrerin ist sie oft ziemlich gefordert, ihre geliebte, lebenslustige Oma wird krank, und mit Marco läuft es gerade nicht besonders, er langweilt sie oft. Dabei war am Anfang alles so wunderbar leicht und spontan. Sie hätte gern wieder etwas von der Aufregung von früher zurück, als sie bis in die Morgenstunden tanzen war. Anderen fällt das offenbar leichter, dieses Erwachsensein. Gerry kauft sich einen Wohnwagen und will sich Richtung Balkan treiben lassen, ihre beste Freundin bricht mit dem Rucksack nach Asien auf. Überall Veränderung und bei ihr nur Stillstand? Charlie braucht frischen Wind.

Deutschland 2018 Deutsch 77 Min Farbe · 2K DCP Weltpremiere
Filminfos und Bilder:  Berlinale

Sonntag, 18.2. Tag 4

Generation Kplus Mochila de plomo Packing Heavy | Bleirucksack

von Darío Mascambroni Argentinien 2018 Spanisch 67 Min · Farbe
empfohlen ab 12 Jahren Weltpremiere
„Wenn Papa noch leben würde … Wärt ihr dann immer noch zusammen?“ · „Ja … Ja, ich denke schon.“

Heute ist der Tag der Wahrheit. Viel zu lange hat sich der zwölfjährige Tomás von den Erwachsenen vertrösten lassen. Seine Mutter, sein Großvater und die angeblichen Freunde seines Vaters, sie alle haben um ihn herum ein Labyrinth des Schweigens, der Ausflüchte und Widersprüche errichtet. Damit ist jetzt Schluss. Denn heute ist der Tag, an dem der Mann aus dem Gefängnis kommt, der seinen Vater getötet hat. Und Tomás ist vorbereitet. In seinem Rucksack hat er eine geladene Pistole. Rastlos und fest entschlossen, sich von den Halbwahrheiten der Erwachsenen zu befreien, zieht Tomás durch seinen Heimatort. Nach seinem Debüt Primero enero (Generation 2017) beweist Darío Mascambroni erneut seine feine Beobachtungsgabe, mit der er in atmosphärischen Bildern diese Vater-Sohn-Geschichte erzählt.
Generation Kplus
Les rois mongols Cross My Heart | Hand auf’s Herz
von Luc Picard Kanada 2017 Französisch, Englisch 104 Min · Farbe empfohlen ab 12 Jahre
„Mimi … hättest du gerne eine Oma? Sie könnte uns in den Schlaf wiegen, uns vorlesen, uns Kuchen backen …“ · „Und ein Micky-Maus-Kostüm nähen?“
Montreal 1970. Während die linksradikale-nationalistische „Front für die Befreiung Quebecs“ die Provinz in den Ausnahmezustand versetzt, muss die zwölfjährige Manon tatenlos zusehen, wie ihre Familie auseinanderfällt. Der Vater ist krank und die überforderte Mutter gezwungen, ihre beiden Kinder in getrennte Pflegefamilien zu geben. Doch Manon hat sich geschworen, ihren kleinen Bruder Mimi niemals allein zu lassen, und fasst einen tollkühnen Plan: Sie gründet eine revolutionäre Zelle und entführt gemeinsam mit ihren Cousins eine ahnungslose Oma. Sie fordern selbstgebackenen Kuchen, Gutenachtgeschichten und vor allem, dass man sie so leben lässt, wie sie es wollen. In einer abgelegenen Hütte verbringen sie Tage in paradiesischer Freiheit fernab von der Ignoranz der Erwachsenen.
Kurzfilme 2 – Kplus 18.02. 13:30 CinemaxX 3 (E) Deutsch eingesprochen | Kopfhörer für OV

Generation Kplus
Yover

von Edison Sánchez Kolumbien 2018 Spanisch
mit Yober Calvo Cuesta, Adalberto Scarpeta Romaña, Litzy Zamira Díaz
Empfohlen ab: 9 Jahren 12′

Generation Kplus
Trois rêves de ma jeunesse Three Dreams of My Childhood | Drei Träume meiner Kindheit

von Valérie Mréjen, Bertrand Schefer Rumänien 2017 Ohne Dialog
mit Adèle Hélène Esther Schefer, Bogdan Mares
Empfohlen ab: 9 Jahren 9′

Generation Kplus
Tråder Threads | Bänder

von Torill Kove Norwegen / Kanada 2017 Ohne Sprache
Empfohlen ab: 9 Jahren 14′
Generation Kplus
Jaalgedi A Curious Girl | Ein neugieriges Mädchen

von Rajesh Prasad Khatri Nepal / Frankreich 2017 Nepalesisch
mit Sharmila Khadka, Nanda Lal Khadka, Jhupri B.K.
Empfohlen ab: 9 Jahren 12′

Generation Kplus
Paper Crane Papierkranich

von Takumi Kawakami Australien 2018 Koreanisch, Englisch
mit Sonya Markowsky, Jin Kyoo Kang, Seon Hwa Yun, Juyoun Kang
Empfohlen ab: 9 Jahren 9′

Generation Kplus
Fire in Cardboard City In Pappstadt brennt’s

von Phil Brough Neuseeland 2017 Englisch
mit Leigh Hart, Ella Wilks, Anna Hall, Jeremy Wells, Matt Heath
Empfohlen ab: 9 Jahren

Wettbewerb (außer Konkurrenz)
Black 47

1847. Ein irischer Soldat, der in Afghanistan gekämpft hat, kehrt in die Heimat zurück und erlebt Hungersnot und britische Willkür. Er wird zum Rächer seiner toten Familie und fordert die britischen Besatzer quer durch die sozialen und politischen Hierarchien heraus.
Von Lance Daly Irland / Luxemburg 2018 Englisch
mit Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Barry Keoghan
Perspektive Deutsches Kino
Die defekte Katze
A Dysfunctional Cat

von Susan Gordanshekan Deutschland 2018 Deutsch, Persisch
mit Pegah Ferydoni, Hadi Khanjanpour, Henrike von Kuick, Constantin von Jascheroff, Arash Marandi Generation 14plus
Virus Tropical

von Santiago Caicedo Kolumbien 2017 Spanisch
mit María Cecilia Sánchez, Martina Toro, Alejandra Borrero, Diego León Hoyos, Mara Gutiérrez Berlinale Special Gala
Monster Hunt 2

von Raman Hui Volksrepublik China / Hongkong, China 2017 Mandarin
mit Tony Chiu Wai Leung, Baihe Bai, Boran Jing, Chris Lee, Yo Yang Forum
Jahilya

von Hicham Lasri Marokko / Frankreich 2018 Arabisch
mit Mostapha Houari, Salma Eddlimi, Hassan Ben Badida, Rami Fijjaj, Zoubir Abou Al Fadl

Samstag, 19.2. Tag 3

Cobain von Nanouk Leopold Niederlande / Belgien / Deutschland 2017 Niederländisch, Englisch 94 Min · Farbe Weltpremiere
„Hör mal, Junge, sie isses nicht wert. Die kommt doch eh wieder auf die schiefe Bahn. Irgendwann liegt sie tot im Straßengraben, nachdem sie sich noch so einen wie dich zugelegt hat.“ · „Das ist meine Mutter, von der du so redest.“
Auf der Suche nach seiner Mutter streift Cobain allein durch die Straßen. Unterwegs begegnen ihm alte Bekannte, Mitarbeiter des Jugendamtes und der Methadonvergabestelle. Er ist zerrissen zwischen der Aussicht auf ein anderes Leben in einer Pflegefamilie, ein Zuhause, vielleicht sogar Geborgenheit, und der Angst um seine Mutter, die alle außer ihm bereits aufgegeben haben. Debütant Bas Keizer verleiht Cobain ein Gesicht, in dem Sanftmut und Wut, Sorge und Sehnsucht ständig miteinander ringen. In stiller Radikalität, mit entsättigten Farben und kargen Gitarrenriffs erzählt Nanouk Leopold auf ergreifende Weise von einem modernen Helden, der früh erwachsen werden muss.

What Walaa Wants von Christy Garland Kanada / Dänemark 2018 Arabisch Dokumentarische Form 89 Min · Farbe Weltpremiere
„Im Sicherheitswesen zu arbeiten ist toll.“ · „Und ich bekomme eine zugelassene Waffe. Wie sonst soll man Autorität durchsetzen?“ · „Die Ausbildung wird ihre Haltung dazu ändern.“
Während ihre Mutter in einem israelischen Gefängnis inhaftiert war, wuchs Walaa in einem Flüchtlingslager auf. Sie hat keine Lust jung zu heiraten und Kinder zu bekommen, auch die Schule interessiert sie nicht besonders. Was sie möchte, ist Polizistin bei der Palästinensischen Autonomiebehörde zu werden, der quasistaatlichen Einrichtung, die die palästinensischen Gebiete verwaltet. Der Film begleitet die aufmüpfige junge Frau von ihrem 15. bis zum 20. Lebensjahr. Stets auf Augenhöhe mit der jungen Protagonistin zeichnet Garland ein intimes Portrait des rebellischen Mädchens, die teils unkontrolliert, aber hartnäckig ihrem Traum folgt.

Klasse Dokumentation. Über 6 Jahre begleitet die Filmemacherin ihre Protagonistin.
Q and A Mitschnitt – Chris Bellaj – Alle Rechte vorbehalten.

Blick aus dem 17. Stock auf den BerlinalePalast und Potsdamer Ppatz

Freitag, 18.2. Tag 2

Generation Kplus
Den utrolige historie om den kæmpestore pære
The Incredible Story of the Giant Pear | Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne
von Philip Einstein Lipski, Amalie Næsby Fick, Jørgen Lerdam Dänemark 2017 Dänisch
„Wer auch immer diese Nachricht findet…“ · „ich bin gestrandet…“ · „auf der geheimnisvollen Insel…“ · „Bitte rettet mich…“ · „Aber gebt Acht vor den schaurigen…“ · „Piraten…“ · „und dem pechschwarzen…“ · „Meer.“
Mika und Sebastian staunen nicht schlecht, als sie eines Tages eine Flaschenpost aus dem Meer ziehen. Darin finden sie einen Brief ihres spurlos verschwundenen Bürgermeisters H.B. und einen Samen, der über Nacht zu einer riesengroßen Birne auswächst. Nach kurzen Irrungen und Wirrungen wird diese zum Segelboot. Schon findet sich der ängstliche Sebastian mit der wasserscheuen Mika und dem verrückten Professor Glykose mitten auf dem Meer in Richtung der geheimnisvollen Insel wieder. Hier vermuten sie H.B.. Etwas beunruhigend ist nur, dass noch niemand von dieser Insel zurückgekehrt ist. Getreu der vor Einfallsreichtum und Witz nur so sprudelnden Kinderbuchvorlage des dänischen Karikaturisten und Autors Jakob Martin Strid entwickelt sich ein rasantes Animationsfilmabenteuer.
Netter Einstieg zur Eröffnung von Kplus.

SPK Komplex

Das 1970 in Heidelberg gegründete antipsychiatrische Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) führte individuelles Leiden auf die kapitalistischen Strukturen der Gesellschaft zurück. Es begann als selbstorganisiertes gruppentherapeutisches Experiment des Arztes Wolfgang Huber mit Psychiatriepatienten, betrieb Hegel-Lektüre und Einzelagitation, radikalisierte sich politisch und endete mit Strafprozessen und dem Abtauchen einiger Mitglieder in der RAF. Ein wenig bekanntes Kapitel westdeutscher Geschichte wird hier unprätentiös und höchst beeindruckend erschlossen. Anhand von aufwendig recherchierten Dokumenten wie Akten des Innenministeriums, der Universität, Pressefotos und TV-Beiträgen, bei Ausflügen nach Stammheim und Italien sowie in Gesprächen mit Ehemaligen von SPK bzw. RAF, Anwälten und Staatsschutz entsteht ein präzises Bild des gesellschaftlichen Klimas im Deutschen Vor-Herbst. Vor allem aber kommt dank der gekonnten Gesprächsführung eine echte Begegnung mit den Menschen vor der Kamera zustande: Wie sie sich und das SPK rückblickend sehen, wo sie Zeugnisse aus jener Zeit hervorkramen und ob ihr Widerstand ins Heute reicht – auch das geht in Kroskes Geschichtsschreibung ein.

Gerd Kroske Deutschland 2018 Deutsch, Italienisch Dokumentarische Form 111 Min · Farbe & Schwarz-Weiß

Damsel von David & Nathan Zellner USA 2017 Englisch 113 Min · Farbe
Samuel Alabaster, mehr Greenhorn als Pionier, macht sich auf in die Weiten der amerikanischen Wildnis. Er ist auf der Suche nach Penelope, der Liebe seines Lebens, die er heiraten will. Begleitet wird er von seiner Gitarre, dem Zwergpony Butterscotch als Hochzeitsgeschenk und dem trinkfreudigen Parson Henry, der als Zeremonienmeister angeheuert ist. Kaum hat sich das kuriose Gespann auf den Weg gemacht und die ersten Gefahren gemeistert, rückt Samuel mit der ganzen Wahrheit heraus: Penelope muss aus den Fängen eines Entführers befreit werden – notfalls mit Waffengewalt. In einer abgelegenen Blockhütte soll der Kidnapper Penelope gefangen halten. Die Befreiungspläne wurden jedoch ohne die potenzielle Braut geschmiedet: Die taffe Penelope denkt nämlich gar nicht daran, Mrs. Alabaster zu werden … Wie der Held und sein Pony mäandert auch der Film als waghalsige Western-Interpretation durch Satire, Slapstick und Parodie. Für den blutigen Ernst sorgt nicht zuletzt die beinharte Heldin, die bestens weiß, wie sie mit der Flinte in der Hand ihren Willen durchsetzt.

303 von Hans Weingartner Deutschland 2018 Deutsch, Portugiesisch 145 Min · Farbe Weltpremiere
„Weißt du, der Gedanke, dass alles vergänglich ist, der ist nicht nur traurig. Der ist auch tröstend. Ich glaube, das ist auch mit das Wichtigste, was man in einer Beziehung kapieren muss. Du gehörst zu mir, aber du gehörst mir nicht.“
Jan ist davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus egoistisch ist. Deswegen ist er auch nicht weiter überrascht, als ihn in Berlin seine Mitfahrgelegenheit versetzt. Jule hingegen glaubt, dass der Mensch im Kern empathisch und kooperativ ist, und bietet Jan einen Platz in ihrem Wohnmobil an. Beide sind unterwegs Richtung Atlantik. Jan will nach Spanien, Jule zu ihrem Freund nach Portugal. Eigentlich soll es gemeinsam nur bis Köln gehen, doch mit jedem Kilometer eröffnet sich etwas mehr von der Welt des Anderen. Macht der Kapitalismus den Menschen zum Neandertaler? Führt Monogamie ins Unglück und kann man sich aussuchen, in wen man sich verliebt? Ein Roadtrip durch Westeuropa, lebenshungrig und romantisch, zwischen Fernweh und dem Wunsch, irgendwo anzukommen.

Donnerstag, 15.2. Tag 1

Komme gerade aus dem neues Wes Anderson – Isle of Dogs, der am Abend das Festival eröffnen wird. Pressekonferenz dazu war auch nett, mit Wes Anderson (Director, Screenwriter, Producer) Roman Coppola (Screenwriter) Jason Schwartzman (Screenwriter) Kunichi Nomura (Screenwriter, Voice Actor) Voice Acting: Bryan Cranston (Chief) Koyu Rankin (Atari) Greta Gerwig (Tracy Walker) Liev Schreiber (Spots) Bill Murray (Boss) Bob Balaban (King) Jeff Goldblum (Duke)  Tilda Swinton war auch da und ist Teil des Teams und noch ein paar mehr passten nicht auf die Bühne. Und die Pressekonferenz wurde wegen Überfüllung geschlossen, kein Wunder, bei diesem Cast. Hier die gesamte Pressekonferenz als Mitschnitt:

Berlinale 2018 bei fraktalorg.de

Hi zum Fraktalorg.de Berlinaleblog 2018.
Alles was in der Radioberichterstattung keinen Platz findet, findet sich im Laufe des Festivals in diesem Blog. Keine Angst, die Radioberichte werden auch hier wieder zu hören sein 🙂
Bilder, Texte, Interviews und Videoclips bekommen hier zwischen 7. Februar und 7. März ihren Platz, und bereichern hoffentlich die tägliche Berichterstattung bei Radio Z in Nürnberg.

Ich wünsche viel Vergnügen beim Durchstöbern und freue mich übers Teilen

Chris Bellaj

Kontakt:
Chris Bellaj c/o Radio Z
Kopernikusplatz 12 90459 Nürnberg
+49 911 450060
frames(at)radio-z.net chris(at)fraktalorg.de

Berlinale Rückblick: 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017